Dan Perjovschi aus Bukarest eilt allen anderen voraus. Der aus dem Siebenbürgischen Sibiu (Hermannstadt) stammende Zeichner hat der am 18. Juni startenden Documenta 15 und damit der hessischen Stadt Kassel das erste sichtbare Kunstwerk geschaffen, aus Farbe, Linien, Schrift. Es ist sozusagen das Vorspiel der Weltausstellung.

Perjovschis Säulen vom Haupteingang des Museums Fridericianum sollen so etwas wie direkter Lehrstoff sein, etwas, das in Schulen, Universitäten, auf Weiterbildungen selbstverständlich sein sollte: Lernen, Erkennen, Handeln. Das mag didaktisch anmuten, aber so hatte auch schon Joseph Beuys seine legendären „Richtkräfte“ (zu sehen im Hamburger Bahnhof Berlin) angelegt: Schiefertafeln, Schrift, Gleichungen. Als Aufforderung: Mensch lerne, frage, und schäm dich nicht zu lernen und zu fragen!

Die Sandsteinsäulen des Palais, seit 1799 das erste öffentliche Museum in Europa, hat der Künstler komplett geschwärzt, wie Beuys' alte Schiefertafeln früher in den Schulen (heute sind sie ja dunkelgrün, das ist besser für die Augen). Darauf hat Perjovschi mit weißer Kreide ziemlich dadaistisch Symbole, Chiffren, Schrift zu  Politik, Frieden, Solidarität, Nachhaltigkeit gezeichnet. Und tatsächlich, lässt er wissen, solle das als Lehrstoff wirken. Das mag didaktisch anmuten, aber tatsächlich hält der Rumäne nichts von erhaben-elitärer Kunst. Er will seine Botschaften so simpel wie möglich vermitteln - und in aller Bescheidenheit deutlich machen, was das Fridericianum ja während der 100 Tage Documenta fortlaufend für Jedermann anbietet: Lernen, Leben, Lernen.

Als junger Künstler im Ceausescus Gefängnis

In Workshops und bei Lehrgängen, so Perjovschi, gehe es darum, was wir Menschen, junge wie alte, tun können, ja, müssten, damit das Leben frei und lebenswert bleibt und die Klimakrise auf schnellstem Wege gestoppt wird. Jede Säule des Museums repräsentiere Prinzipien wie zum Beispiel, Freiheit, Großzügigkeit, Unabhängigkeit. Diese Grundsätze sitzen tief in Kopf und Seele des Rumänen. Im Privaten wie im gesellschaftlichen Sinne, denn der 60-Jährige erlebte als junger oppositioneller Künstler die Ceausescu-Diktatur, wurde von der Securitate inhaftiert.

Gleich nach dem Umbruch gründete er 1991 in Bukarest „revista 22“; das Wochenblatt avancierte aus dem Stand zur intellektuell prestigereichsten Zeitschrift Rumäniens. Als Bildkünstler und als Redakteur, also als Mann des Wortes, mischt Perjovschi sich entschieden ein in globale gesellschaftspolitische und kulturelle Zu- und Missstände- in seinem Land und in der Welt. Seine markante Bildsprache aus Piktogrammen und Wortspielen brachte ihm Einladungen auf die Biennale Venedig, in die Tate Modern, London, ins New Yorker MoMA und ins Pariser Centre Pompidou.