Berlin - Auf dem Mittelstreifen der mit neuen breiten Radwegen ausgestatteten Karl-Marx-Allee nahe dem Alex reiten zwei monumentale Cowboys gen Osten. Sie ähneln Figuren aus der DDR-Spielzeugproduktion. Die Westernhelden schießen aus Plastikpistolen ins Leere. Das Künstlerduo Sonder hat die groteske Skulptur vorm Kino International aufgestellt, für die Aktion „Kunst im Stadtraum“. Die Karl-Marx-Allee soll ja Weltkulturerbe werden. Berlins Senat hat die Bewerbung für den Unesco-Status im Juli eingereicht. Grund für Euphorie? Leider ist die soziale Wirklichkeit an der einstigen Prachtmeile ernüchternd.

Man kann hier toll Radfahren. Und ins Kino. Aber danach nicht mal Essen gehen. Das dem Investor Berggruen gehörende Café Moskau ist tabu für die Bürger. Die legendäre Mokka-Milch-Eisbar gegenüber wurde vom Investor abgeschafft. Die einst beliebten Lokale sind seit zwei Jahren eine völlig entkernte Ruine. Bonjour Tristesse.

Gerade versuchen Berliner Künstler wieder mal, dem freudlosen Bauabschnitt II der Allee Leben einzuhauchen. Die Reiterplastik mit dem Titel „Jagd auf die Große Bärin“ ist eine ironische Allegorie. Ausgehend von den DDR-Bestseller-Indianerromanen Welskopf-Henrichs formten die Bildhauer ein „Denkmal“ für den auch in diesen Kiez eingefallenen Kapitalismus, die Gentrifizierung der Wohnblöcke, die enorme Mietverteuerung, die den Bürgern entzogene Gastronomie.

Am Freitag geht es rund um die grotesken Reiter, um die Geschichte und die traurige städtebauliche Situation. Es wird diskutiert und zu Kiez-Spaziergängen eingeladen, in der Bar Babette erzählen Anwohner ihre Geschichten, es laufen Filme, ein DJ legt auf, und der Künstler Sven Kalden öffnet nochmals seinen Lina-Brake-Bank-Container, wo man sich sein Geld selber drucken kann. Das die Aktion fördernde Kulturamt schickt Redner. Und danach? Ist dann außer nostalgischen Erinnerungen und ein paar fröhliche Stunden Kiezgefühl nichts gewesen?