Es wird nicht erhört, wenn Berlins Galeristen, Künstler und Kunstfreunde Stoßgebete an Athene und Minerva richten oder wie die Schutzgöttinnen der Kunst sonst noch heißen. Es bringt auch nichts, führende Virologen der Republik und die nach kategorischen Empfehlungen entscheidenden Politiker anzubeten oder mit ihnen zu hadern, gar restriktiv wirkende Inzidenz-Kurven mit Voodoo- Zauber zu bannen. Erst wenn Corona deutlich schwächelt, bekommt das öffentliche Kunstleben seine alltagsbereichernde Faszination zurück.

Aller Ungewissheit zum Trotz bereiten Berlins Kerngalerien samt ihren erfolgversprechendsten Künstlerinnen und Künstlern mit bemerkenswerter Lust ihr 17. Gallery Weekend vor. Das soll, wie auch sonst immer, vom 29. April bis zum 2. Mai stattfinden. Bei offenen Türen und den notwendigen Abstandsregeln. Notfalls auch draußen vor der Tür. Oder eben online. Das wäre dann Plan B. 

Direktorin Maike Cruse ist „zuversichtlich“

Die monatelange Kunst-Abstinenz, verstärkt durch die noch viel länger dauernde Schließung der Museen, drückt vor allem aufs Gemüt derer, für die Bildende Kunst in öffentlichen Räumen Lebensmittel wie Lebensunterhalt ist. Maike Cruse, Direktorin des Gallery Weekends, das wegen der Pandemie im Frühling 2020 auf die Art Week im September 2020 verschoben werden musste, kann schon ein Web-Journal ankündigen, in dem alle beteiligten Galerien ihre Künstlerinnen und Künstler mit deren Arbeiten vorstellen.

Ihre Stimmungslage beschreibt Cruse mit „zuversichtlich“. Damit meint sie den Zuspruch des Berliner Publikums sowie die Anerkennung des Kunsthandels als wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Stadt. Ein kleines Zeichen hat bereits die Grünen-Politikerin Ramona Pop, Wirtschaftssenatorin und Bürgermeisterin von Berlin gesetzt. Ihr Ressort unterstützt das Gallery Weekend finanziell - mit der bescheidenen Summe von 150.000 Euro.

Liest man das Angebot der 50 Galerien, zeigt sich der Wille zum Best-of der Gegenwartskunst. Die im Landesverband Berlin organisierten Kunsthändler wollen nichts auslassen, was seit Jahren Sammler-Begehren erweckt. Der Entzug der öffentlichen Wahrnehmung hat geradezu eine Vorbereitungs-Euphorie ausgelöst. Ein Rückschlag wegen einem weiteren Lockdown? Solch düstere Gedanken werden bewusst verdrängt.

Foto: Galerie Sweetwater/Kayode Ojo
 Kayode Ojo aus Tennessee: „Double“ (Vienna).

Die Künstler der Galerien haben die Lockdown-Zeit intensiv genutzt, um die neuesten Produktionen auf den Markt zu bringen. Die Galerie Buchmann punktet mit Plastiken von Tony Cragg. Sprüth Magers mit dem Londoner Sensations-Duo Gilbert&George und die Galerie Capitain Petzel mit Matt Mullican sowie Monika Sosnowska. Die Galerie Neu setzt auf die gestandene Konzeptkunst-Position des Bildhauers Manfred Pernice, das Galeristen-Duo neugerriemschneider auf Pae White, Michel Majerus und Takashi Murakami. Nachbar Judy Lybke von Eigen+Art wiederum auf den der „New Leipzig School“ entstammenden Maler Tim Eitel.

Kewenig wartet mit raren Werken des Franzosen Christian Boltanski auf, die das Fragile unserer Lebensentwürfe – Zeit, Vergänglichkeit und Tod – als großes Menschheitsthema verhandeln. Der Galerist Thomas Schulte verschafft uns eine Wiederbegegnung mit der großartigen Bildhauerin Rebecca Horn, und die Klosterfelde Edition lässt uns gespannt sein auf neue – vielleicht abermals essbare? – Arbeiten des Thailänders Rikrit Tiravanija. Esther Schipper hingegen wirft starke Frauenkunst in den Kunstring, etwa die von Isa Melsheimer, Almut Heise, Hannah Höch und Leiko Ikemura.

Foto: Galerie Thomas Schulte/Rebecca Horn/VG Bildkunst Bonn 2021
Rebecca Horn aus dem Odenwald: „Bee's Planetary“, Installation.

Nur Johann König macht sein eigenes Ding

Erfreulicherweise ist der Groß-Galerist Max Hetzler nach Jahren der Abtrünnigkeit als wichtige Instanz in die Gallery-Weekend-Gemeinschaft zurückgekehrt. Bei ihm ist Neues von Albert Oehlen zu sehen. Umso irritierender ist die Haltung eines anderen Berliner Groß-Galeristen: Johann König mit seiner imposanten Kirchengalerie St. Agnes in Kreuzberg macht sein eigenes Ding. Er schlägt die Einladung zum Gallery Weekend aus und hält in seinen Räumen zeitgleich eine Haus-Messe ab, wie schon im Juni 2020.

Er will die „Messe in St. Agnes“ professionalisieren, um sie „zur Marke auszubauen“. Dafür machte er Lena Winter zur Direktorin. Sie hat ihr Handwerk bei Auktionshäusern wie Grisebach, Lempertz und Ketterer erlernt und wirft die bei großen Kunstmessen üblichen Regeln über Bord: Es gibt keine administrative Messegesellschaft mehr, sondern nur den Galeristen mit großen Räumen. Der Primärmarkt, der Verkäufe aus den Ateliers und Werkstätten in Galerien erstmalig abwickelt, wird so mit dem Sekundärmarkt verbunden. Dieser verkauft dann weiter, was andere Händler, Auktionshäuser, Sammler, Erben anbieten: jedermann eben. Die Einlieferung ist kostenlos, und für jeden Verkauf muss eine im Vorfeld vereinbarte Kommission an die König Galerie abgetreten werden.

Möglich, dass Königs Ego-Trip in weniger existenzbedrohten Zeiten als kühne und sympathische Innovation frischen Wind in ein doch recht unflexibel gewordenes Messegeschäft  bringen kann. Nun aber schert mit ihm ein starker Partner des Galeristen-Bündnisses aus. Und das in einer Zeit, in der die vom Lockdown gebeutelte, mehr denn je auf Zusammenhalt angewiesene kommerzielle Galerien-Szene der Hauptstadt so manches ertragen kann. Bloß keine Spaltung.

Infos: gallery-weekend-berlin.de