Alfred Ehrhardt war den Rätseln der Natur mit der Kamera auf der Spur

Die von dem Sohn des Bauhäuslers gegründete Stiftung in Mitte begeht den 20. Geburtstag mit Arbeiten des Meisterfotografen.

Alfred Ehrhardt: „Von der 
Architektur der Meeresschnecken“, aus dem Film „Spiel der Spiralen“, 1951.
Alfred Ehrhardt: „Von der Architektur der Meeresschnecken“, aus dem Film „Spiel der Spiralen“, 1951.Alfred Ehrhardt Stiftung

Die Kunststadt Berlin hat mindestens eine Handvoll Fotoschulen und viele Ausstellungsorte für Fotografie. Der wohl intimste darunter, wo das Medium vor allem den Rätseln der Natur auf der Spur ist, befindet sich in der Auguststraße. Vor 20 Jahren gründeten da Jens Ehrhardt, Sohn des Fotografen, Filmemachers, Malers und Organisten Alfred Ehrhardt (1901–1984), und Freunde der Fotokunst die Alfred-Ehrhardt-Stiftung. Stammkapital wurde der gesamte Nachlass des aus dem thüringischen Triptis stammenden Universalisten: Fotos, (Glas-)Negative, Filme, Gemälde, Zeichnungen, Dokumente.

In den Jahren 1928/29 hatte Ehrhardt am Bauhaus Dessau mit Albers, Klee, Kandinsky, Feininger und Schlemmer gearbeitet. Anschließend trug er sein Wissen und Können als Lehrer an die Hamburger Landeskunstschule. Aber die Nazis hassten seine freigeistigen Lehrmethoden und jagten ihn gleich nach der Machtergreifung 1933 aus der Hochschule. Das Verdikt hieß: Lehrverbot. Daraufhin verwandte er seine ganze Kreativität auf die damals – in den propagandistischen Hochzeiten für die Fotografie, man denke an Leni Riefenstahl – gänzlich unbeachtete Naturfotografie und den Naturfilm.

Alfred Ehrhardt: „Spiel der Spiralen“, 1951
Alfred Ehrhardt: „Spiel der Spiralen“, 1951Alfred Ehrhardt Stiftung

Nach dem Krieg perfektionierte Ehrhardt die kompositorische Präzision solcher Motive, wobei immer die sinnliche, emotionale Wirkung erhalten blieb. Unvergleichlich sind seine Filme in Science-Fiction-Ästhetik, die mit dramatischer, auch mal fröhlicher Musik unterlegt sind und in denen Pflanzen, Blüten, Blätter, Korallen, Muscheln, Schnecken, Fische zu Hauptdarstellern werden. Ehrhardt macht uns Betrachtern einzigartige Formungen der Natur bewusst, deren Nachahmung durch Künstler ja doch immer nur epigonal sein kann. Der Fotograf und Filmer lehrt uns somit auch Hochachtung und Demut vor der Natur und ihren genialen Schöpfungen in Fauna und Flora. Und selten erlebt man eine derartige Schönheit und Lebendigkeit in Motiven von Spiralen, von Kristallen und Mineralien. Ehrhardt beweist, dass auch anorganische Materie nicht einfach tot, sondern ein recht lebendiges Element im Kontext zum Organischen ist.

Die Jubiläumsausstellung wird von der Direktorin Christiane Stahl, den Kuratorinnen Stefanie Odenthal und Marie Christine Jádi sowie der Fotorestauratorin Rosa Russo eingerichtet. Vier Frauen, vier Blickwinkel auf Ehrhardts Ästhetik, Technik und Weltsicht.

Alfred Ehrhardt an der Filmkamera, undatiert
Alfred Ehrhardt an der Filmkamera, undatiertAlfred Ehrhardt Stiftung

Seit 20 Jahren widmet sich die Stiftung der wissenschaftlichen Aufarbeitung und Präsentation des Werks mit 50 künstlerischen Filmen und 20 Fotobüchern. Und dazu wird wahlverwandte zeitgenössische Fotografie gezeigt. Am Spannendsten sind immer jene Ausstellungen, in denen Ehrhardts Werk mit den Arbeiten heutiger Fotografen in den Dialog gesetzt wird.

Und so schließt sich an die Geburtstagsschau Mitte Januar 2023 Gregor Sailers Schau „The Polar Silk Road“ an: Dem Tiroler gelang es, in militärischen Sperrgebieten bei Temperaturen bis zu 55 Minusgraden Aufnahmen in arktischen Regionen zu machen: Kanada, Norwegen, Grönland und Island. Das Ergebnis sind einmalige Bilder von für Touristen unzugänglichen Orten, die uns im Verborgenen bleiben würden. Darauf folgt die Ausstellung des Amerikaners Thomas Brummett. Seine Kunst ist eine gewisse Anverwandlung auch an Alfred Ehrhards spirituelle Suche nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält und wie sie beschaffen ist. Es geht um Sinn und Form, um Unendlichkeit und Licht.

Alfred-Ehrhardt-Stiftung, Auguststr. 75, Di–So 11–18 Uhr. Eintritt frei