Der frühe Tod der coolen Bildermaschine Michel Majerus

Michel Majerus war vor 20 Jahren der Jungstar in Berlin. Doch im November 2002 kam der Mittdreißiger bei einem Flugzeugabsturz um. Sein Werk lebt.

Michel Majerus in seinem Berliner Studio 1996. Hier richtete der alte Vater des Malers das Majerus -Estate für den ganzen privaten Nachlass ein
Michel Majerus in seinem Berliner Studio 1996. Hier richtete der alte Vater des Malers das Majerus -Estate für den ganzen privaten Nachlass einCC BY-SA 3.0/Albrecht Fuchs

Gerade hab ich ein Déjà-vu. Als wäre Michel Majerus zurückgekehrt aus diesem anderen Universum. Kommt er etwa gleich ums Eck hinter der Installation hervor, der lange, dünne, laxe Junge aus dem luxemburgischen Esch-sur-Alzette? Seine Heimat, er wäre stolz darauf, ist dieses Jahr europäische Kulturhauptstadt.

Gerade stehe ich abermals vor seinem „Gemälde“ von 1994, eine aus Sperrholz in die Galeriehalle hineingezimmerte expressive Raum-Malerei hinter einer Fußbodencollage, die eine Straße und einen gekachelten Weg darstellt. Motive wie aus einem Comic. Kenner sehen es sofort, es ist ein Roger-Rabbit-Strip. Das ganze riesige, sich über Ecken und Türdurchgänge ziehende Wandbild mit diesen bunten Schwüngen, Blitzen, Zacken, dem gelben Teddybärfell und den Tatzen des Kuscheltieres, die aus der Malwand ragenden bein- und armartigen Extremitäten und auch die riesigen anarchischen Tuschezeichnungen tragen, wie damals, den Titel „enlarge-o-ray … on!“

Installationsansicht der Raumbild-Rekonstruktion „enlarge-o-ray … on!“, 2022, nach der Arbeit von 1994 in  der Galerie neugerriemschneider
Installationsansicht der Raumbild-Rekonstruktion „enlarge-o-ray … on!“, 2022, nach der Arbeit von 1994 in der Galerie neugerriemschneiderneugerriemschneider

Michel Majerus liebte es, Bild und Texte zu mischen, ketzerisch, spielerisch. Seine Kunst wirkt jung und aufmüpfig. Das Werk war vor vielen Jahren in der Galerie Neugerriemschneider zu sehen. Eine kleine Kunstsensation im wiedervereinten Berlin. Damals wurde der junge Luxemburger hier entdeckt, ein Typ, der unverkrampft installativ mit Malerei im Raum arbeitete, sich unbekümmert völlig entgrenzte Kombinationen von Kunstgeschichte und Massenkultur, von Klassik und Pop-Art ausdachte und seine Atelierzeit mit dem intensiven Austausch mit der Bilderflut der späten Moderne und Postmoderne verbrachte. Und er hatte die Kühnheit und auch die unbändige Lust, Malerei und deren Rezeption radikal neu zu denken.

Michel Majerus arbeitete wie ein Gejagter

In der jungen Berliner Kunstszene der Nachwendejahre war er im Nu ein Star, einer, der die ideologischen Ismen der Kalter-Krieg-Zeit abschüttelte wie leidigen Ballast. Gerade deshalb hat Majerus bis heute so große Anziehung und inspirierende Wirkung für die junge Kunstszene. Die turbulente Berliner Zeit, das Tempo, das kreative Chaos, die Atmosphäre, die neuen Freunde, die bunte Internationalität der einstigen Frontstadt waren für ihn wie Triebmittel. Majerus muss damals fast nie geschlafen, immer nur gemalt, geformt, Kunst zu Installationen zusammengebaut haben. Sein Werk, das er bis zu seinem jähen Tod 2002 schuf und für das er 1999 von Harald Szeemann auf die Biennale Venedig eingeladen wurde, ist so groß, so reich, so vielfältig, dass es dafür ein sehr langes Leben gebraucht hätte. Aber er arbeitete wie ein Gejagter.

Am 6. November 2002 wollte er seine Eltern zu Hause in Luxemburg besuchen. Das Flugzeug stürzte über Niederanven ab. Er war nicht unter den Überlebenden. Sein Tod war ein brutaler Riss. Die Kunstwelt hätte einen wie ihn noch lange gebraucht, seine rastlose Kreativität, seine Unangepasstheit an jedweden Trend, konträr zum geschmäcklerischen Kunstmarkt. Sprichwörtlich waren seine Neugier und seine Liebe zur alten Königsdisziplin Malerei, mit der er sich konzeptionell, die Tradition kritisch befragend auseinandersetzte, in die er politische Zeitkritik packte und das beginnende digitale Zeitalter einließ. Er fügte Motive oder Figuren aus beliebten Computerspielen in seine Bilder ein, ebenso Werbung und dann unvermittelt Farbschwünge wie auf den Bildern des genialen, an Alzheimer erkrankten Action-Painting-Malers Willem de Kooning.

Bei  Michel Majerus war das Leben in Berlin immer  wie eine kreative Baustelle: Installationsansicht der Ausstellung Michel Majerus –„Early Works “ in den KW Institute for
Contemporary Art, Berlin 
Bei Michel Majerus war das Leben in Berlin immer wie eine kreative Baustelle: Installationsansicht der Ausstellung Michel Majerus –„Early Works “ in den KW Institute forContemporary Art, Berlin Frank Sperling/ Works in den KW Institute for Contemporary Art

Gerade widmet sich eine Berliner und deutschlandweite Ausstellungsreihe dem vor 20 Jahren vom Schicksal brutal aus dem Leben gerissenen Maler, der alles andere als ein Frühvollendeter war. Sein riesiger Nachlass, vom alten Vater des Künstlers in Berlin zusammengeführt, ebenso Leihgaben aus Museen und von Sammlern weltweit, ermöglichen erstmals diese Menge an Ausstellungen aller Werkphasen.

Charakteristisch für Majerus’ Werk ist das Sampling, bei dem er Motive aus disparatesten Zusammenhängen und Bereichen von Kunst und Alltag aufgriff. Längst gehören solche Arbeiten zur jüngeren Kunstgeschichte am Übergang zum 21. Jahrhundert. Man steht davor in der Mitte-Galerie Neugerriemschneider, in der Ausstellungshalle des Instituts KW Auguststraße, wo mit der Schau „Early Works“, kuratiert vom Direktor Krist Gruijthuijsen, das Frühwerk ausgebreitet ist, die Wucht seiner Bilder ist da arrangiert wie auf einer ruppigen Baustelle: Berlin in den Neunzigerjahren. Und man ist ihm ganz nahe in seinem einstigen Berliner Atelier. Dort sind Majerus’ Arbeiten im Dialog mit denen seiner Kunst-Professoren Joseph Kosuth und K.R.H. Sonderborg an der Kunstakademie Stuttgart zu sehen.

Michel Majerus war eine coole Bildermaschine. Er hinterließ ein lebendiges Gesamtkunstwerk, mit Interferenzen und mit Kreisen, die sich nun schließen.

Die Ausstellungen anlässlich des 20. Todestages: Michel Majerus – Early Works“, KW Institute for Contemporary Art, Berlin, bis 15. Januar 2023; „Michel Majerus – Gemälde, 1994“, Galerie Neugerriemschneider, Berlin, bis 14. Januar 2023; „Kosuth Majerus Sonderborg“,  Michel Majerus Estate Berlin, einst Atelier, bis 18. März 2023; „Michel Majerus“, Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.), Berlin, 17. Dezember bis 5. Februar 2023; „Michel Majerus. Data Streaming“, Kunstverein Hamburg, bis 19. Januar 2023;„Michel Majerus zum 20. Todestag“, Sprengel Museum Hannover, bis 8. Januar 2023