Vor hundert Jahren, am 28. Februar 1921, kam Willi Sitte in Kratzau (heute Tschechien) als Bauernsohn zur Welt. 2013 starb er an seinem Arbeits- und Wohnort in Halle, wo er auch an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein gelehrt hatte. In den 1950er- und 60er-Jahren bekam Sitte es wegen seines „westlich formalistischen“ Malstils mit den Stalinisten zu tun. Unter Ulbricht musste der später in der Honecker-Ära hofierte DDR-Malerfürst Parteirügen einstecken. Seinem kommunistischen Ideal tat das allerdings keinen Abbruch.

Im Westen fand man ihn interessant: Eine erste Ausstellung seiner Bilder 1965 in München wurde ein Erfolg. Bald darauf bekam er den Burda-Preis für Grafik, und die Münchner Kunstakademie trug ihm eine Professur auf Lebenszeit an. „Wenn ich nicht so ein verbohrter DDR-Mensch gewesen wäre, dann wäre ich holterdiepolter als Professor in München gelandet“, erinnerte sich Sitte 2001. Der Nationalpreis der DDR bedeutete ihm freilich mehr.

Seltsam, dass nach der Wiedervereinigung in großen DDR-Kunst-Ausstellungen Willi Sittes Motive der 50er- und 60er-Jahre dominieren, die Bildsprache von Beckmann und der westlichen Avantgarde: stilisierte Figuren und Gesichter, verwandt denen des Italieners Renato Guttuso, des Spaniers Picasso in der Blauer Periode (mit Gertrude-Stein-ähnlichen Frauen) und dem französischen Kubisten Fernand Legér.

Foto: VG BIldkunst Bonn 2021/bpk  SMB
Eines von Sittes wichtigsten Werken ist im Besitz der Nationalgalerie Berlin: „Meine Eltern von der LPG I“, 1962

Die spätere Herkules-artige Körperpracht und die an Lovis Corinth angelehnte Fleischeslust, mit der Sitte in seinem Hallenser Atelier nach 1971 mit Honeckers Gunst das männliche wie weibliche Proletariat als schaffende und biertrinkende „Sieger der Geschichte“ meisterlich auf Leinwände setzte, wurde im Osten wie im Westen nur dezent gezeigt. So im Kunstpalast Düsseldorf letztes Jahr, da überwogenen die frühen Bilder. Wohl aus Sorge, es könnte sich der unsägliche Nürnberger Bilderstreit von 2001 wiederholen – und damit auch die ungeheuerliche Verleumdung, Sitte sei der „Arno Breker der DDR“. Der Anwurf kam ausgerechnet aus der Stadt mit Reichsparteitag-Vergangenheit. Der Druck der Ultra-Konservativen brachte das Aus der Nürnberger Retrospektive des erst eingeladenen, dann brüsk vor die Tür gesetzten DDR-Staatsmalers.

Bundeskanzler Schröder als Freund

Diese öffentliche, weltweit in den Medien ausgeschlachtete Demütigung hat Sitte nie verwunden. Daraufhin gründete er mit Frau, Tochter und Freunden in Merseburg, Sachsen-Anhalt, eine Stiftung samt Galerie. Sozusagen das Sitte-Museum. Unter den Gästen zur Einweihung 2006 war damals auch Altbundeskanzler Gerhard Schröder, Sitte-Freund und Fan seiner Malerei. Inzwischen ist die Stiftung wegen Geldmangels insolvent, die Galerie wird von der Stadt erhalten. Doch der Sitte-Nachlass geht in den internationalen Kunsthandel (siehe Berliner Zeitung vom 9. Januar).

Zu DDR-Zeiten wurden Sittes Arbeiterbilder gemischt aufgenommen. Und abgelehnt von jungen Künstlern, denen die „Weite und Vielfalt“-Parole der Honecker-Kulturpolitik zu vormundschaftlich war. Wegen seiner Teilnahme an der Documenta 1977 in Kassel hatte man den Maler auch in der westdeutschen und europäischen Kunstszene wahrgenommen. Zusammen mit den Begründern des Stils der „Leipziger Schule“ wie Bernhard Heisig (1925–2011), Wolfgang Mattheuer (1927–2004) und Werner Tübke (1929–2004) vertrat er die DDR. Es kam der ironische Begrifft von der „Viererbande“ auf. Da ertönte auch der „Arschloch“-Ruf des Dissidenten Georg Baselitz. Seit damals griff auch der Kölner Kunstsammler Peter Ludwig unbedenklich zu bei den Leinwänden des Hallensers – mit duschenden Kumpel, Paaren im Liebeskampf und barocken Freiheitskämpfern auf internationalem Parkett.

Foto: dpa/Jan Woitas
Willi Sitte 2008 während einer Pressekonferenz in Halle zur Eröffnung der Ausstellung „Ich zeichne, also bin ich“ vor seinem Bild „Untergang der napoleonischen Armee in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813“.

DDR-Kunstsammler Hasso Plattner in Potsdam entschied sich jedoch vorerst für frühe Sitte-Motive. Das Beste von Sitte hat sich die Nationalgalerie Berlin zu Ostzeiten gesichert, so „Meine Eltern von der LPG (I)“, 1962, und das Geschichtspanorama „Leuna 1921“ von 1965/66. Der überwältigende „Höllensturz Vietnam“ von 1970 gehört dem Kunstmuseum Moritzburg in Halle. Das sind allesamt Bilder, angesichts derer niemand bezweifeln wird, dass Sitte ein starker Bildermacher war. Markant und unverwechselbar, jedoch paradox, als freizügiger Maler einerseits und andererseits als linientreuer Präsident des Verbandes Bildender Künstler und ZK-Mitglied. Der Widerspruch erhob ihn in den Rang des umstrittensten DDR-Künstlers. Und gerade an ihm hatte sich bis 2012, mit der  endlich differenzierenden, aufklärenden und  resümierenden Weimarer Schau  „Abschied von Ikarus“ der zuvor so fatale  Ost-West-Bilderstreit entzündet. Heute ist er Geschichte. Die junge Kunstszene hat für die alten ideologischen Grabenkämpfe nur noch ein Kopfschütteln  übrig.

Willi Sitte sorgte für Freiräume

Mit seinen Werken, die einerseits der Arbeiterklasse huldigten und dem Imperialismus trotzten, andererseits auch intimes Beieinander zeigten, avancierte Sitte zur Leitfigur des „Sozialistischen Realismus“. Der Multifunktionär und Parteiarbeiter nutzte einerseits seinen weitreichenden Einfluss dazu, die Autonomie des Verbandes gegenüber engstirnigen Vorgaben der SED zu verteidigen. So verschaffte er einigen Malern aus dem Untergrund Arbeitsmöglichkeiten, indem er sie in den Verband aufnahm.

Er ermöglichte Auslandsreisen, organisierte Ausstellungen der europäischen Moderne in der DDR, verbesserte die Materialversorgung der Künstler und sorgte im Rahmen der Möglichkeiten für Freiräume. Andererseits hieß er aber auch die Ausbürgerung seines einstigen Freundes Wolf Biermann 1976 in einem Brief ans Neue Deutschland gut. Er verurteilte die Maler um Bärbel Bohley als „staatsfeindliche Gruppe“ und forderte noch 1987, „dem sozialistischen Realismus wesensfremde Darstellungen zurückzudrängen“. Das kostete ihn 1988 auf dem X. Kongress des Verbandes Bildender Künstler das Präsidentenamt. Ein Jahr später fiel die Mauer. „Ich habe mich angepasst, nicht gegen meinen inneren Willen, aber gegen meinen Verstand“, bekannte Sitte 1999.

Der Rest, der bleibt: Sittes einstige Meisterschüler beschreiben ihn als „undogmatischen Lehrer“. Anders als er, der an die DDR als „das bessere, gerechtere Deutschland“ glaubte, waren sie skeptisch und entzogen sich politischer Kunst. Sie teilten nicht seinen expressiven Stil mit der sinnlichen Fleischlichkeit muskelbepackter Proletarier: Bergleute, Chemie- und Bauarbeiter, Stahlwerker, diese Apotheose schwerer, aber fast missionarisch dem Wohle Aller dienenden körperlichen Arbeit. Auch nicht die erotische Wucht seiner barocken Frauengestalten, angesichts derer wohl sogar Rubens tief Atem geholt hätte. Das akzeptierte Sitte und ließ sie einfach malen.

Ab 3. Oktober zeigt das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) eine Sitte-Retrospektive, die sich als Teil der Aufarbeitung des Kultursystems in der DDR versteht. Die Sitte-Galerie Merseburg bereitet eine Geburtstagsschau vor, die nach dem Lockdown-Ende öffnen wird.


In einem Podcast der Berliner Zeitung kommen der Sitte-Meisterschüler Norbert Wagenbrett und der Leiter der Merseburger Sitte-Galerie, Michael Finger, zu Wort.