Gewisse Momente im Leben vergisst man nie. Selbst dann nicht, wenn sie weder gefahrvoll noch beglückend oder erhebend gewesen sind. Bloß irritierend. Eine Schrecksekunde lang sorgte im Juni 1999 im deutschen Pavillon der Biennale Venedig der Anblick eines riesigen schwarzen „Rattenkönigs“ für unsere entgeisterten Blicke. Dann stellten sich Erstaunen, Erleichterung, schließlich Heiterkeit ein. Und Nachdenklichkeit. Dieser Effekt war nicht neu: Schon einige Jahre zuvor hatte Katharina Fritsch, Bildhauerin aus Düsseldorf, mit ihrer überdimensionalen Plastik in einer New Yorker Schau den internationalen Kunstbetrieb aufgemischt: 16 jeweils fast drei Meter hohe schwarze Ratten waren im Kreis aufgestellt, die Schwänze zu einem Knoten verbunden. Und bereits Ende der Achtzigerjahre liefen im Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum die Leute zusammen, um den mächtigen grünen Elefanten zu bestaunen, den die junge, aus Essen stammende Absolventin der Düsseldorfer Kunstakademie in einen weißen Saal gestellt hatte.

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Die spektakuläre Installation „Rattenkönig“, hier in einem Schweizer Schaulager

Die Urheberin dieser Polyester-Plastiken erhält, das wurde am Weltfrauentag bekannt gegeben, den Goldenen Löwen der 59. Biennale di Venezia für ihr Lebenswerk. Verliehen bekommt die 66-jährige  Fritsch die Merite am ersten Biennale-Tag, am 23. April. Eine verdiente Wahl! Alle paar Jahre überrascht diese Bildhauerin mit ihren so spektakulären wie denkwürdigen Inszenierungen. 2009 standen wir vor ihrer gesellschaftskritischen „Tischgesellschaft“, einer 16 Meter langen Großplastik, bestehend aus 32 sich auf grauen Holzbänken gegenübersitzenden Figuren. Die Kleidung schwarz, Gesicht und Hände der Figuren weiß. Es sind serielle Menschen, entindividualisierte Prototypen – was sollten die einander zu sagen haben?

Etwas später füllte sie den deutschen Biennale-Pavillon in den Giardini von Venedig mit einem dichten Wald aus Polyester. Und sie setzte 2013 auch einen gewaltigen blauen Hahn auf eine Marmorplinthe am Londoner Trafalgar Square, gleich neben das Denkmal von Admiral Nelson. Als ein Wahrzeichen des Patriarchats. Zweifellos hat Fritsch eine Affinität zu Tieren. Wie in Lessings Fabeln sind sie Stellvertreter guter wie schlechter menschlicher Eigenschaften.

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In den Deichtorhallen Hamburg 2009: Katharina Fritschs „Tischgesellschaft“

Ort und Ordnung sind kaum spürbar mitentscheidend über die Wirkung der gewählten Dinge. Die Irritation ist perfekt; das Bekannte erhält die Aura des Außerordentlichen. Vertrautes wird fremdartig, das Nahe ist entrückt und doch unmittelbar präsent. Sie stellt die Frage nach der Grenze beziehungsweise der Entgrenzung oder Überlagerung der Bereiche Kunst und Leben. Das berührt die „Soziale Skulptur“, für die Joseph Beuys gerade an der Düsseldorfer Akademie die Grundlagen schuf.