Berlin - Die Krisen der Welt haben Hochkonjunktur. Nihilisten und Verschwörer haben in der globalen Corona-Pandemie Auftrieb bekommen, im Nahen Osten herrscht Krieg. In anderen Teilen der Welt wird die Natur für Ackerbau und Viehzucht gerodet. Gletscher schmelzen, und in Sibirien tauen die Permafrostböden auf.

Apokalypse? Aber Gilbert & George, diese beiden aparten älteren Herren, lassen es sich nicht verdrießen in ihrem Londoner Atelier. Ihr Optimismus scheint unzerstörbar. Sie versetzen ihren Glauben an die Liebe und die Freiheit – und auch an die Rettung der Natur vor dem Klima-Kollaps in leuchtende Farben und opulente Formen. Diese von keinerlei Pessimismus getrübte Zuversicht zelebriert das schwule Künstlerpaar jetzt wandbreit und wandhoch in der Berliner Galerie Sprüth Magers in der Oranienburger Straße. 25 riesige Naturmotive, Collagen und gerasterte Bildwelten tun sich auf: Blüten, Früchte, Blätter, in intensiven Frühlings-, Sommer-Farben. Schönheit und Eros. Aber das ist auch Herbstlich-Melancholisches. Es symbolisiert ebenso wie Vergänglichkeit, Erschöpfung, das Verwelken und Abschiednehmen.

Jeder strebt nach einem Paradies

Die Bildgewalt ist suggestiv-exotisch. Und visionär, weil Gilbert & George sagen wollen, dass die Erde eigentlich ein Paradiesgarten sein könnte, die Menschen selbst das aber gründlich verhindern mit dem, was schon die Alten Meister seit dem Mittelalter als die Sieben Todsünden thematisieren und von Künstlern des kriegerischen, zerstörerischen, vom Raubbau der Natur geprägten 20. Jahrhunderts der Moderne aufgegriffen wurde und nun im frühen 21. Jahrhundert mehr denn je ein Überlebens-Thema ist. Die eigentümlichen Privat-Metamorphosen des Malerpaares kreisen um Leben und Tod. Die ganze Welt beschäftige sich mit dem Leben nach dem Tod. Alle Religionen beschäftigen sich damit, was passiert danach? Und jeder strebe nach einem Paradies, so Gilbert & George.

Galerie Sprüth Magers
Gilbert & George aus der Serie „Paradiesische Bilder“.

Jedes Gemälde ist ein Paradies für sich, aufgeladen mit halluzinatorischen und psychedelischen Momenten, mit geisterhaft körperlosen Selbstporträts als Blau-, Grün- und Rot-Köpfe und surrealen Augenpaaren durchdringend aus dem Blätter-Universum starren. Gilbert, geboren 1943, und George, Jahrgang 1942, sind seit ihrer Studentenzeit Ende der 1960er-Jahre an der St. Martins School of Art, ein Paar, in der Kunst, wie im Leben. Gleich­zei­tig Subjekt und Objekt ihrer Arbeit, bilden Gilbert & George eine küns­tl­er­ische Einheit, eine Art „Living Sculptures“, wo sich nichts mehr zwischen Kunst und Leben unter­schei­det. 

Angst, Sex, Geld und Religion

Die Intensität der Ikonografie von Gilbert & George, die furchtlos ist und direkt zur Sache kommt, mag schockieren oder zumindest beunruhigen. Dennoch sind diese ungewöhnlichen Künstler mit ihrer gewöhnungsbedürftigen Malerei nicht darauf aus, zu schockieren – sie wollen eher „entschockieren“, indem sie Angst, Sex, Geld, Reli­gion und den Brexit thematisieren und die Wider­sprüc­hlic­hkeit der Gesellschaft im Bezug zur Natur gleichnishaft zeigen. Den Menschen, dieses seltsame Wesen – mit den Füßen im Schlamm und mit dem Kopf in den Sternen –, wie Else Lasker-Schüler einst dichtete, das war zur Zeit des Ersten Weltkriegs.

Die beiden Londoner sagen eigentlich das Gleiche, drücken es mal frö­hlich, mal tragisch und immer auch ein wenig aufklärerisch aus. Groteskes, Surreales mischt sich mit Ernst, gerade in diesen während der Corona-Pandemie entstandenen Bildern.

Galerie Sprüth Magers, Oranienburger Str. 18, bis 25. August, Di–Sa 11–18 Uhr, derzeit noch mit Negativtest. Tel.: 28 88 40 30