Berlin - Eine Spirale von hölzernen Obstleitern ragt hoch zur Decke des „Corner Space“, wie der Berliner Galerist Thomas Schulte seine markanten Fensterbögen nennt. Ein prächtiges Architektur-Detail des Art-Nouveau-Gebäudes. Neun Geigen scheinen den Leiter-Turm hinauf zu klettern und aus dem Fenster fliehen zu wollen. Alle dreieinhalb Minuten bewegen sich wie von Geisterhand die Fiedelbögen und es erklingt eine anarchische Polyphonie. Rebecca Horn, preisgekrönte Macherin kinetischer Objekte, langjährige Professorin an der UdK Berlin und Mitglied der Akademie der Künste, widmete die Installation Mitte der 90er-Jahre den Geflüchteten aus dem Kriegs- und Krisengebieten dieser Erde, so aus dem zerfallenden Jugoslawien.

Sie gab dem kuriosen Leitern-Geigen-Konstrukt den Titel „Der Turm der Namenlosen“ und erinnert vor allem an die Geschichte jener Migrantinnen und Migranten aus Bosnien und dem Kosovo, die ohne Pässe und der Landessprache nicht mächtig, in Wien umherirrten, oft nur ihre Instrumente im Arm, die dann auf der Straße spielten, um ihren Schmerz und ihre Trauer herauszulassen. Horn hat diese Musik erlebt und seitdem gehören Saiteninstrumente zu  ihrem Werk. Gerade auch 1999 im „Konzert für Buchenwald“. Die Arbeit gehört seither der Klassikerstadt Weimar. Fast zeitgleich entstand „Bees Planetary Map“, ein Heer aus stalaktitengleich von der Galerie-Decke hängenden, zu Lampen umfunktionierten Bienenkörben, die über zerbrochenen Spiegeln baumeln. Und aller zehn Minuten zuckt der Besucher zusammen, weil ein an ein Seil gebundener Felsstein herabkracht und einen Spiegel zerscherbelt. Welch scharfkantige Metapher für die Klimakatastrophe, der nicht nur die Bienen zum Opfer fallen.

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