Künstler suchen sich ihre Nischen in der Stadt. Wir wollen einige von ihnen besuchen und schauen: Wo entsteht sie eigentlich, die Kunst, um die es in Berlin so oft geht? Sie entsteht nämlich nicht dort, wo über sie gesprochen, wo sie vermittelt und wo sie verkauft wird. Sie entsteht an den Rändern der Stadt, in Hinterhöfen und leerstehenden Garagen. Aber auch in aufwendig umgebauten Remisen, Lagerhallen und Lofts. Die Orte und Gegenden sind so unterschiedlich wie die Kunst selbst. Ihnen ist diese Serie gewidmet.

Kurz hinter dem Tempelhofer Feld, wenn man an dem Swingerclub „Zwiespalt“ in der Oberlandstraße vorbeigefahren ist, hört Berlin auf. Könnte man jedenfalls denken. Von belebten Straßen mit ihren hippen Cafés kommt man plötzlich in eine Gegend, die so gar nichts mit dem schicken, individualisierten Leben, das so gern als Symbolbild des Stadtmarketings verwendet wird, zu tun hat. Hier bestimmen Wohnriegel das Bild, die sich so charmant wie süddeutsche Doppelhaushälften aus der Retorte aneinanderschmiegen. Die Straßen sind breiter, weit und breit gibt es keinen Späti oder andere Möglichkeiten, um mal eben etwas zu kaufen.

Laura Schaeffer für Berliner Zeitung
Die Skulpturen müssen vor der Beißfreudigkeit des Hundes geschützt werden.

Wenn man auf den Hof des großen Gebäudes an der Teilestraße einbiegt, würde man erst mal nicht vermuten, dass fast das gesamte Gebäude von Künstlern genutzt wird. Die ehemalige Schokoladenfabrik wurde kürzlich zu Ateliers umgebaut, die jetzt vom Berufsverband Bildender Künstler*innen Berlin (bbk berlin) vergeben werden. Die riesigen Hallen, durch die manchmal noch ein süßlicher Geruch weht, sind durch dünne Wände unterteilt worden. Die Gänge sind lang und dunkel, wenn man nicht aufpasst, verläuft man sich. Die einzelnen Ateliers sind nur durch die kleinen Schilder neben den Türen zu unterscheiden, sie könnten genauso gut auf die Bürozimmer von Finanzbeamten hinweisen. Wer ein Atelier zur Straße hin hat, blickt auf das Tempelhofer Feld. Aus der Entfernung sieht es aus wie der Central Park.

Der Kunstmarkt ist unberrechenbar

Hinter diesen Türen entstehen wichtige Beiträge zu Berlins kulturellem Kapital, zum Beispiel von der Bildhauerin Hannah Sophie Dunkelberg. Sie hat ihr Studio hier vor eineinhalb Jahren bezogen, nicht lange nach ihrem Meisterschüler-Abschluss an der Berliner Universität der Künste im Jahr 2019, in der Klasse von Manfred Pernice, die er Bild-Objekt-Hauerei genannt hat. Seitdem stellt sie ihre großen Reliefs und feinen Vorhangskulpturen international aus. Momentan arbeitet Dunkelberg mit zwei Galerien zusammen, die ihre Arbeiten verkaufen. Doch – das kennen die meisten selbstständigen Künstler – sind diese Verkäufe nicht stetig. Manchmal läuft es sehr gut, manchmal weniger. Der Markt ist unberechenbar. Die Ausgaben für das Atelier sind, gemeinsam mit den Materialkosten für ihre Arbeiten, der größte monatliche Kostenpunkt.

Laura Schaeffer für Berliner Zeitung
Atelier und Lager: Kunstwerke warten darauf, in Museen verschickt zu werden.

Heute liegt eine Pferdeskulptur aus Holz auf einem von vielen Sofas in Dunkelbergs Atelier. Die Arbeit ist noch nicht fertig, doch auf ihren knapp 100 Quadratmetern hat die Künstlerin genug Platz, um auszuprobieren, wie sich die Skulpturen verhalten: Was passiert, wenn man die tragenden Figuren der Reiterdenkmäler, die seit Jahrzehnten die vermeintlich großen Männer dieser Welt auf ihrem Rücken tragen, einfach mal hinlegt? Ihnen eine wohlverdiente Pause gönnt? Es sieht ganz gemütlich aus, wie die Holzskulptur da so herumliegt. Die einzige Gefahr, der sie ausgesetzt ist, stellt der junge Hund dar, der seit einiger Zeit bei Dunkelberg lebt und der gern an den hölzernen Pferdehufen nagt.

Laura Schaeffer für Berliner Zeitung
Fragile Männlichkeit

Die Sofas sammelt und die Skulpturen schnitzt die Künstlerin für eine Einzelausstellung, die im September in ihrer Berliner Galerie Efremidis stattfindet. Jetzt stehen sie noch irgendwie unentschlossen, bunt zusammengewürfelt, wie in einem Jugendzentrum herum. Dunkelbergs Arbeiten sind auf eine gewisse Weise Objekte der Verführung. Ihre Oberflächen wollen berührt werden, sie sind geheimnisvoll, mysteriös und vor allem oft groß. Seit ihrem Einzug in der Teilestraße ist es für sie einfacher geworden, groß zu arbeiten. Früher hat Dunkelberg auf dem Flur geschweißt, heute kann sie das in der Ruhe ihres Ateliers tun.

Dunkelberg macht alles selbst

Für Dunkelberg ist das Atelier Werkstatt und Lager in einem. So stehen im hinteren Teil große Transport- und Getränkekisten, Verpackungsmaterial und bereits verpackte Arbeiten, die sich bald auf den Weg in die Galerien oder zu Sammlern machen. Im vorderen Bereich befinden sich eine Handwerksbank, der Schreibtisch, die wartenden Sofas. Dunkelberg hämmert, schweißt und schnitzt ihre Werke alle selbst. Im Gegensatz zu vielen Künstlern, die die Produktion auslagern, hat Dunkelberg sich die Fähigkeiten angeeignet, die sie braucht, um alles selbst zu machen. Es ist ihr wichtig, bei jedem Schritt und jeder Veränderung, die ihre Skulpturen erfahren, dabei zu sein.

Laura Schaeffer für Berliner Zeitung
Mit ihren Reliefarbeiten ist Dunkelberg auf internationalen Ausstellungen vertreten.

Obwohl viele Künstler hier ihre Ateliers haben und man eigentlich denken könnte, dass der Ort wie eine Art Taubenschlag der Kunst funktionieren könnte, bleiben die meisten eher für sich. Für viele  Künstler, die sich vorher Ateliers geteilt haben oder – wie Dunkelberg – wesentlich weniger Raum zur Verfügung hatten, steht Vernetzung hier nicht im Vordergrund, sondern sie genießen den Luxus eines großzügigen Rückzugsortes.

Trotz ihrer gefühlten Abgeschiedenheit ist die Teilestraße eigentlich ziemlich zentral gelegen, vom Hermannplatz braucht man keine halbe Stunde mit dem Fahrrad. Doch mal schnell Mittagessen gehen oder sich kurz mit Journalisten oder Sammlern treffen, ist hier schwierig. Dunkelberg bringt sich meistens etwas zu essen mit oder fährt früher nach Hause. Sie sagt, dass eine Mensa eigentlich gut wäre, um sich untereinander zu vernetzen. In der Kunsthochschule sei das immer der Ort gewesen, an dem man allen irgendwann mal über den Weg lief. Dunkelberg zeigt uns den Platz hinter dem Haus, wo sie meistens Mittagspause macht. Der Teltowkanal fließt hier ruhig vor sich hin, dahinter ist ein leerstehendes, langsam vor sich hinrottendes Haus. Es ist fast idyllisch. Hinter uns fährt ein Gabelstaplerfahrer seine Runden – er gehört zu dem Lager für türkische Lebensmittel, das in einem Nebengebäude untergebracht ist.

Laura Schaeffer für Berliner Zeitung
Auf gute Nachbarschaft: In dem Gebäudekomplex ist auch das Lager eines Lebensmittelmarktes.

Als wir wieder hineingehen, bleiben wir noch auf dem einen Sonnenstreifen stehen, der sich gerade dramatisch im Innenhof hinwirft, und schauen die hohe Fensterfront entlang. Hinter jedem dieser Fenster arbeitet ein anderer Künstler an dem, was er der Welt und der Kunst hinzuzufügen hat. Frisch aus dem Tempelhofer Industriegebiet.