Es war eine gedruckte Demonstration. In der auf Hannovers Straßen verkauften Obdachlosenzeitung Asphalt  veröffentlichten die Documenta-15-Macher 2022 – das indonesische Kollektiv Ruangrupa – die Liste der Künstlerinnen und Künstler, die an der Weltausstellung teilnehmen: 54 Namen, die meisten sind unbekannt. Sie werden in Gruppen arbeiten, den Mini Majelis (Versammlung), sie bekommen ein Budget. Was entsteht, ist völlig offen. Spontaneität, Improvisation sind erwünscht, Eigenverantwortung ist Maxime.

Die traditionell tragende Rolle des Kurators als umschwärmter Impresario einer bedeutsamen Schau, inklusive des theoretisches Konzepts, das oft wie ein Apotheken-Beipackzettel übersetzt werden muss, hat in Kassel 2022 womöglich ausgedient. Ruangrupa zieht die sozialen Realitäten vor, das Nahbare, Schwellenlose. Mit der über allem stehenden Frage: „Wie wollen wir zusammenleben?“ So wurde die Obdachlosenzeitung Asphalt zu einer Art Anti-Kapitalismus-Flugblatt, weil man da ähnlich arbeitet: kollektivistisch, genossenschaftlich, solidarisch, kreativ. Zugleich genügsam und nachhaltig. Die indonesische Lumbung-Architektur ist das Vorbild, eine gemeinschaftlich genutzte Reis-Scheune, in der die Ernte für alle gelagert und gerecht verteilt wird. Nur, dass es in Kassel nicht Reis ist, sondern es Ideen, Wissen, Arbeitskraft, Finanzmittel sind.

Bricht mit Kassel 2022 ein neues Zeitalter des Ausstellungswesens an? Ist es vorbei mit  klassischen Präsentationen, bildungsbürgerlichem, ästhetischem, bisweilen elitärem Anspruch? In Sachen Kunstkritik jedenfalls gibt es einen denkwürdigen Trend zur Straße hin. In Obdachlosenzeitungen wie Motz und Karuna Kompass (Nachfolger vom Straßenfeger) und in Arts of the Working Class schreiben namhafte Berliner Kunstautoren und Dichter für lau. Fürs intellektuelle Prekariat und für Leute, die eine Empathie für die Straße haben, indem sie den obdachlosen Verkäufern die Blättchen abkaufen und so Kunst mit realem Leben verbinden.