Dass hier nichts so sein würde wie bei den vorherigen 14 Documentas war klar. Ruangrupa hatten von Anfang an deutlich gemacht, dass ihre Auffassung von Kunst eine völlig andere ist, als wir sie hier im Westen verinnerlicht haben. Das auratische Werk, die hehre Künstlerfigur spielen für das Kollektiv aus Jakarta allenfalls eine Nebenrolle. Der im Kern zehnköpfigen Gruppe aus Künstlerinnen, Künstlern und Kreativen aus Jakarta geht es nicht um Produkte, sondern um Kooperationen, um eine – stets ergebnisoffene – Reise, bei der man gemeinschaftlich Modelle für die Zukunft entwirft und die Fragen der Gegenwart erörtert. Ressourcenverteilung, Klimawandel, Geschlechtergrenzen, koloniale und postkoloniale Strukturen – das ganze Programm.

Ruangrupa und die von ihnen eingeladenen Kreativen tun dies nicht verbissen, sondern humorvoll, spielerisch, bisweilen albern, während man gemeinsam abhängt und diskutiert, Besitz und Fähigkeiten miteinander teilt, voneinander lernt, zusammen etwas entwickelt. Wobei keiner wichtiger als der oder die andere ist. So weit die Theorie. Eine schöne Theorie, die unser bisheriges Denken – soweit es die Kunstwelt betrifft – gründlich auf den Kopf stellt.

Die Qualität einer Ausstellung – noch dazu der wichtigsten Kunstausstellung der Welt – wurde bisher stets vor allem an ihren Hervorbringungen gemessen, und das sind im Wesentlichen Skulpturen, Objekte, Bilder, Filme, gelegentlich auch mal ein Garten. Bei der Documenta fifteen gibt es all das tatsächlich auch. Es wird aber in den meisten Fällen nicht so wichtig genommen. Wichtig ist der Prozess, das Erlebnis, aber auch der Hintergrund der Entstehung. Wer Bilder, Filme, Installationen nach ihrer ästhetischen Qualität, nach ihrem inhaltlichen Mehrwert beurteilt, kommt hier nicht weit. Aus seinem Kontext gerissen, wirkte vieles, was hier zu sehen ist, wohl eher bescheiden. Wer versucht, sich in die diversen Mindboards zu vertiefen, die hier immer mal wieder an Wänden hängen, muss ebenfalls scheitern. Sie dienen wohl eher dazu, eine Arbeitsweise zu demonstrieren, als dass man den Inhalten auf die Spur kommen können soll.

Die Documenta ist Ruangrupa gar nicht so wichtig

Sie hätten nicht groß darüber nachgedacht, eine fertige Ausstellung abzuliefern, sagte Ruangrupa-Mitglied Ade Darmawan bei der Pressekonferenz, sie hätten vor allem an die Zukunft gedacht. „Wie können wir über die Documenta hinausgehen? Was können wir an verschiedene Orte zurückführen?“ Die Documenta, also DIE DOCUMENTA ist Ruangrupa gar nicht so wichtig. Oder: schon wichtig, aber nur als eine Art Katalysator, der etwas in Gang setzt. Weil ihnen Themen wie Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zentraler erscheinen als Werke mit einer Aura.

Das ist durchaus ein Affront. Sollten Kuratoren einer solchen Mammutausstellung, vor allem, wenn sie aus einem Teil der Welt kommen, der im Kunstkontext bisher keine große Rolle gespielt hat, nicht demütig sein? Sollten sie nicht versuchen, eine perfekte Präsentation hinzulegen, um der Welt zu zeigen, dass sie mit unseren Maßstäben mithalten können? Ruangrupa finden: nein, und das verdient Respekt. Für sie ist künstlerische Freiheit viel mehr als ein hohler Begriff. Sie nehmen sie sich – mit allen Konsequenzen.

AFP
Die Skateboard-Rampe von Baan Noorg Collaborative Arts and Culture aus Thailand

Die Logik der aktuellen Documenta ist die der Schwarmintelligenz: ein Kollektiv, das Kollektive einlädt, die wiederum mit Gruppen zusammenarbeiten und auf diese Weise Wissen und Erfahrung akkumulieren. Dass Kunst nicht dazu da ist, der Erquickung zu dienen, dass sie kein ästhetischer Selbstzweck ist, sondern in die Gesellschaft hineinwirkt, womöglich sogar innerhalb einer Gesellschaft entsteht, ist natürlich auch in Deutschland kein völlig neuer Gedanke – wir erinnern uns an Joseph Beuys und seine Soziale Plastik. Die Radikalität, mit der Ruangrupa dieses Konzept verfolgen, an einem Ort, der nicht nur im Fokus eingeweihter Kunstnerds steht, sondern Touristen aus aller Welt anlockt, ist allerdings bemerkenswert.

Wer partizipieren will, von dem fordert diese Documenta immens viel

Wenngleich man sagen muss, dass der Spaß, der mit Aktionen wie Trommelworkshops oder einer für jeden benutzbaren Halfpipe offeriert wird, begrenzt ist. Wer wirklich partizipieren oder zumindest einen geistigen Mehrwert haben will, von dem oder der wird immens viel gefordert. Etwa, sich mit den Realitäten des globalen Südens auseinanderzusetzen, und zwar im Detail, weil jedes Land anders strukturiert ist, andere Probleme, andere religiöse oder politische Hintergründe hat. Die Kunst, die hier zu sehen ist, lässt sich eben nicht lässig, quasi im Vorbeigehen konsumieren. Entweder man frisst Texte und Dokumentationsvideos oder man bleibt – was die Inhalte angeht – weitgehend außen vor.

Neu ist, dass man als Kunstkennerin in derselben Situation ist wie als Laiin. Die meisten Namen der Beteiligten sagen einem ohnehin nichts, in der Kunstwelt kennt man sie gar nicht. Umso genauer muss man hinsehen, weil einem das Wissen über einen Background, die Arbeitsweise und das Themenspektrum der Künstlerinnen nicht zu Hilfe kommen.

Kurz streift einen der Gedanke, dass die Situation in mancher Hinsicht der von Millionen von Migranten und Migrantinnen ähnelt, die sich in Umgebungen zurechtfinden müssen, deren Regeln und Codes sie nicht kennen. Aber das ist nur ein Nebenaspekt, vermutlich gar nicht beabsichtigt.