Sobald Bildkünstler der Moderne sich aus der schieren Konkurrenzmasse weit herauszuheben vermögen, sie auch noch das Lob einflussreicher Kunstkritiker erreicht, dann folgen oft begehrte Preise: Turner-Prize, Praemium Imperiale, Goslarer Kaiserring, Goldene Löwen auf der Venedig-Biennale, Possehl-Preis, Hasselblad-Award, der Preis der Nationalgalerie Berlin – oder auch zahllose regionale Ehrungen.

Meriten gibt es zuweilen auch für den passionierten Dienst an der Kunst, den Ausstellungsmacher leisten. Was der deutsche Kunstbetrieb dem soeben 75 Jahre alt gewordenen Berliner Kunsthistoriker, Kurator und Publizisten Eckhart Gillen verdankt, wird am 7. Mai  im Kunsthaus Dahlem mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande bedacht.

Gillen, der aus Karlsruhe stammt, ist nicht nur ein kenntnisreicher, genauer und zugleich so lehrreich wie unterhaltsamer Impresario – zudem einer ohne Allüren. Er ist auch einer der fairsten, denn er kümmert sich nicht erst seit der deutschen Wiedervereinigung engagiert um die gerechte Zusammenführung der Bildkunst aus der 40 Jahre lang geteilten Kunstgeschichte und um Wertschätzung für die immense, disparate und oft unter bedrückenden und beengten politischen Bedingungen entstandene Kunst aus der ehemaligen DDR.

Aufräumen mit Ost-Klischees

Schon in den Achtzigerjahren war Gillen Mitherausgeber der Zeitschrift Niemandsland, die mit dem Verdikt aufräumte, in der DDR gebe es nur „Staatskunst“. Er differenzierte dieses Klischee nach vielen Besuchen in Ateliers und Ausstellungen im Osten. Unverzichtbar war sein Wirken im zuweilen hässlichen deutsch-deutschen Bilderstreit, wo er durch seine profunden Kenntnisse der Kunstleistungen zu DDR-Zeiten und des osteuropäischen Kunstschaffens überhaupt maßgeblich zum Ende der Diffamierungen und zum Abbau der westlichen Vorurteile beitragen konnte.

1997 fand Gillens Großschau „Deutschlandbilder-Kunst aus einem geteilten Land“ im Gropiusbau das große Echo der Kunstwelt. Da erwies sich, dass kaum jemand aus dem Westen derart tief eingedrungen war in das Kunstgeschehen hinter der Mauer. Auch „Feindliche Brüder? Der Kalte Krieg und die deutsche Kunst 1945–1990“ und „Wahnzimmer Deutschland“, 2002 in Leipzig, waren so erhellende wie der Kunst des Ostens Respekt zollende Expositionen.

Aufklärer für Ost und West

Die Ausstellungen „Kunstkombinat DDR. Zäsuren einer gescheiterten Kunstpolitik“, 2005 in Köln, und „Kunst und Kalter Krieg. Deutsche Positionen 1945–1989“ in Nürnberg und Berlin waren von großem aufklärerischen Wert. Und mit „Kunst in Europa 1945–1968“ zeigte Gillen 2016/17 an Orten wie Brüssel, Karlsruhe und Moskau, wie sehr das Trauma des Zweiten Weltkrieges, der Eiserne Vorhang und der Traum von Europa das Kunstschaffen in West und Ost prägten und dieses mit dem brutalen Exodus des Prager Frühlings für lange Zeit verstört wurde.