Auch wenn der legendäre George Grosz uneitel sagte: „Das Getue um das eigene Ich ist völlig belanglos“ – so würde ihm dieser spektakuläre Ort sehr gefallen für seine Bilder aus den Goldenen Zwanzigern, dem „Tanz auf dem Vulkan“. Jetzt, 100 Jahre später, ist die Gegend zwar nicht mehr „Babylon Berlin“, doch erleben wir noch immer harte Alltagsszenen mit den heutigen prekären Milieus im sozialen Brennpunkt Bülowstraße, dem Kiez nahe der Kurfürstenstraße.

Die düsteren und schrillen Szenen von damals, im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik, sind auf Grosz‘ Bildern geronnen zu  halb expressiv, halb veristisch zugespitzten Szenerien. Diese Rückreise in die Berliner Geschichte kann sehen, wer durch das weiße Tor Bülowstraße 18 tritt. Dahinter wartet eine kleine Kunstoase, auch wenn die nahe Hochbahn aller paar Minuten rumpelt, der Straßenverkehr lärmt und staubt und der eine oder andere Junkie oder Besoffene die Umwelt lautstark an seinem Rausch teilhaben lässt.

Drinnen gibt es eine Entschleunigung auf dem von Bambus umwucherten Grundstück mit Vogelgezwitscher, Brunnenplätschern und Cappuccino aus dem hauseigenen Café. „Das kleine Grosz-Museum“ lässt uns – zunächst mit einer Probezeit  von fünf Jahren – diesen neben dem Schriftsteller Alfred Döblin markantesten Berlin-Beobachter erleben. Grosz würde es wohl auch gefallen, dass seine unter Sammlern verstreuten Werke fortan in dieser einstigen Tankstelle, einem Standardtyp der Shell AG von 1956, zu sehen sind.

Hannah Seibel
„Das kleine Grosz Museum“ mit Tankstelle aus den Fifties, Café, weiß verkleidetem Anbau für die Ausstellungen und einem Garten

Die alte Tanke war jahrelang das Refugium des aus der Schweiz stammenden Grosz-Fans Juerg Judin. Der Galerist hat die Tankstelle gekauft und umgebaut, mit einem Anbau für seine Bibliothek versehen und einen hübschen Garten mit Baldachin angelegt.  Nun stellt er Haus und Hof in den Dienst an der Kunst seines Lieblingskünstlers George Grosz.

Acht weitere Berliner Grosz-Sammler, darunter der Jurist Ralf Kemper, haben sich mit dem Grosz-Kenner und Nachlassverwalter Ralph Jentsch zusammengetan. Die Idee für ein unabhängiges, vereinsgetragenes „Kleines Grosz-Museum“ war geboren. Wo, wenn nicht in Berlin, wo das Œuvre des Künstlers nur verstreut zu sehen ist, in der Neuen Nationalgalerie, in der Berlinischen Galerie, im Grosz-Archiv der AdK, im Stadtmuseum. Vieles ist noch im Besitz der Nachfahren und bei privaten Sammlern, die ihre Grosz-Schätze nun nicht mehr für sich alleine haben wollen, sondern sie mit der Öffentlichkeit teilen möchten. Wird das Projekt gut angenommen, könnte es weitergeführt werden.

Auf zwei Ebenen des Anbaus sind Arbeiten des Grosz’schen Frühwerks auf dunkelblau gestrichener Wand ausgebreitet. Wie ein jovialer Gastgeber mit Schiebermütze und Pfeife empfängt der Hausheilige die Gäste per Großfoto. Schon als 11-Jähriger malte er mit bissigem Humor: drei giftgrüne Frösche, einen als Lehrer, zwei als Schüler.

Hannah Seibel
Ausblick vom Kleinen Grosz Museum auf die U-Bahn an der Bülowstraße

Der 1893 in Berlin geborene Gastwirtssohn suchte, das belegen all die Bilder, schon als junger Mann mit seinem Skizzenblock lieber ordinäre denn gutbürgerliche Orte auf: Rummelplätze, Varietés und Spelunken. Seine Affinität zur Ästhetik des Vulgären, Hässlichen, der Halbwelt, des Rotlichtmilieus, diese mitleidlose, fast boshaft realistische Darstellungsweise, machte ihn zum Karikaturisten und  Gesellschaftskritiker. Er fand die Motive für seine berühmten Kneipen-und Straßenszenen mit Frauenmördern, Selbstmördern, Dieben, Huren, Hehlern und bei Boxkämpfen genau da, wo die Widersprüche der Gesellschaft aufeinanderprallten.

Grosz' Bilder erzählen gleichsam auch seine Biografie: Der Erste Weltkrieg hatte ihn vom naiven Freiwilligen zum radikalen Pazifisten gewandelt. Er ließ seinen deutschen Namen Georg Groß ins Englische umschreiben zu George Grosz. Doch 1917 wurde er erneut eingezogen, zum „Volkssturm“. Er rastete aus und weigerte sich. Als „Deserteur“ drohte ihm die Todesstrafe. Die Reichswehr sperrte ihn in  eine „Anstalt für Kriegsirre“, dann wurde er „dienstunbrauchbar“ geschrieben. Ein Jahr später gründet er die Berliner Dada-Bewegung mit; er trat in die Novembergruppe ein und begeistert sich sogar für den Kommunismus. 1922 machte er eine  Russlandreise. Desillusioniert zurück, brach er mit den dogmatischen Genossen.

Unübersehbar ist Grosz' Vorliebe für Kneipen und Cafés. Dort war er selber Gast, und er trank  reichlich. Sein Blick auf die Kehrseite des Großstadtlebens zeigt die Szene der in Massen über die Boulevards strömenden „Passanten“, ein packendes Bild von 1926. Die Leute hasten aneinander vorbei, aber ihre Blicke und Bewegungen lassen keinen Zweifel daran, dass ihre Sehnsüchte, ihr Begehren, ihre Laster sie aneinanderfesseln.

Mehr und mehr, das belegen die Leihgaben der Sammler im Verein, tendierte Grosz seit Mitte der 20er-Jahre zum nüchternen Stil der Neuen Sachlichkeit. Den verschärfte er bis zur schneidenden, veristischen Vivisektion. Wie kaum ein anderer karikierte er ätzend das Fortleben von Militarismus, Korruption und toxischer Männlichkeit in der Weimarer Republik. Wir sehen seine „Typus-Porträts“: den vollgefressenen Kleinbürger, den Schieber, die tätowierte Hure, den Militaristen, nichtsahnend vom zerbrechenden Weltgebäude ringsum. Dreimal musste Grosz vor Gericht, wegen Beleidigung der Reichswehr, Angriffs auf die öffentliche Moral und Gotteslästerung.

Archiv Ralph Jetsch Berlin/ Fotograf unbekannt
George Grosz in seinem Atelier Naussauische Straße 4 im Jahr 1920

Grosz war einer der meistgehassten „entarteten“ Künstler der Nazis. Mit untrüglichem Instinkt für die Gefahr wählte er für sich und seine Familie noch knapp vor Hitlers Machtergreifung die Emigration in die USA. Dort hatte man ihm eine Professur angeboten. Doch auch im New Yorker Exil ließen den Kriegsgegner die Ereignisse in Nazideutschland nicht los. In der zweiten Etage des kleinen Museums, auf grau gestrichenen Wänden, wird das alles erzählt. Grosz, auch das berichtet diese kleine erlesene Ausstellung, hatte in Amerika zwar künstlerischen Erfolg. Dennoch war er ein Fremder geblieben. Trost suchte er im Alkohol.

Seine Frau Eva drängte auf Rückkehr; sie hatte Heimweh nach Berlin. Die erwachsenen Söhne Peter und Martin blieben in den USA. Im Mai 1959 kam Grosz zurück, im Juli holte ihn  Gevatter Tod. Es passierte nach einer ausgedehnten Kneipentour in seinem Kiez Wilmersdorf.

Das kleine Grosz Museum, Bülowstr. 18, Do–Mo 11–18/Fr bis 20 Uhr, Tickets 10/ermäßigt 6 Euro. Eröffnet ab Samstag, den 14. Mai