Vor ein paar Jahren noch sorgte ihre Malerei in Berlin für Aufsehen. Gerade noch hatte der Kurator Okwui Enwezor die Peruanerin auf der Biennale Venedig neu für sich entdeckt – da entfalteten ihre Malweise und ihre knallfarbigen Motive an den Wänden der Kreuzberger Galerie Thumm eine Wirkung, wie wir sie hier noch nie erlebt haben: Arte Nuevo, ein Begriff aus der Poetik und der Dramatik der spanischen Renaissance.

Bei Teresa Burga, geboren 1935, waren es abstrakte, geometrische, an Mondrian erinnernde Vierecke und minimalistische Formen, die ihre Holztafeln und Leinwände bedeckten. Darauf setzte sie anschließend ihre Figuren: aufmüpfige Frauen, Demonstranten, peruanische Bauern, Leute vom Markt, eine Alte mit Pantoffeln in ihrem Casa, die einen Schal aus bunten Farbfeldern strickt: Oma strickt sich die Moderne. Und von draußen schauen durchs Fenster in Form einer Weltkarte Motive der abstrakten Expressionisten der USA, die Plakatwerbung der New Yorker Armory-Show sowie die tanzenden Zahlen des gefeierten Pop-Art-Künstlers Jasper Johns herein.

Foto: Galerie BarbaraThumm
Teresa Burga: peruanische Straßenszene

Das war um das Jahr 1966 herum. In Peru steuerte damals alles auf eine Militärdiktatur hin. Die Malerin Teresa Burga mischte noch kurz vor dem Putsch die tief traditionelle peruanische Kunst auf, verband die westliche Avantgarde auf ironische Weise mit der Folklore ihres Volkes, entwickelte Konzepte für die Verschmelzung von Konvention und Revolte. Sie war mit ihrer Courage zu einem Motor dieser neuen Kunstbewegung geworden. Ausgestellt hat ihre Gruppe zuerst nicht etwa in einem Museum oder einer Galerie. Das verwehrte ihr die konservative Obrigkeit. Die Gefährtinnen mieteten in Limas Zentrum einen leeren Laden für rasch wechselnde Ausstellungen. Limas Jugend strömte hinein.

Nach der Berliner Ausstellungseröffnung vor fünf Jahren saßen wir noch mit ihr zusammen und hörten dieser munteren kleinen alten Dame gebannt zu, wie sie von feministischer Konzeptkunst erzählte, die sie immer auch als konkreten Handlungsraum im Kontext des kolonialen Erbes Perus sah. Sowie der politischen und sozialen Zustände nach dem Militärputsch von 1968, der Erdbebenkatastrophe 1970, der darauffolgenden Junta-Herrschaft bis 1980 und dem Beginn der Demokratisierung.

Ihre künstlerische Analyse der Situation machte sie zur wichtigsten Künstlerin Perus. Die Arte-Nuevo-Bewegung wurde zur Inspiration und emanzipatorischen Ausdruckform, auch in anderen südamerikanischen Ländern. „Wir wollten unsere eigene Moderne“, so Burga. Am Sonntag kam nun die Nachricht vom Tod der Malerin. Sie starb letzten Freitag in dem von der Pandemie schlimm heimgesuchten Lima an einer Covid-19-Infektion.