Die Kunst der Brücke-Expressionisten, ein Dauerbrenner auf dem Kunstmarkt, sorgt auch nach mehr als hundert Jahren für Schlagzeilen. Hier nicht wegen der dieser Tage im Berliner Brücke-Museum losgetretenen Debatte über Kolonialismus und Rassismus in einigen Motiven der ikonischen Malergruppe. Diesmal geht es um einen Coup des Münchner Auktionshauses Ketterer. Der berühmte „Brücke“-Sammler Hermann Gerlinger, ein mittlerweile 90-jähriger Unternehmer aus Würzburg, gibt die von ihm über Jahrzehnte mit Passion und Sachkenntnis zusammengetragenen Werke unter den Hammer und damit, wie er es sagt, „an Sammler der nächsten Generation“. Den garantiert astronomischen Erlös will er gemeinnützigen Organisationen stiften.

Schon als junger Mann hatte Gerlinger begonnen, systematisch eine der wichtigsten Sammlungen des deutschen Expressionismus aufzubauen. Mit Arbeiten von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl, die 1905 in Dresden die Künstlergruppe „Brücke“ gegründet hatten. Hinzu kamen Werke der später beigetretenen Maler Emil Nolde, Max Pechstein, Otto Mueller.

Schmerzhafter Abzug aus dem Kunstmuseum Moritzburg

Die systematische Geschlossenheit der Sammlung gilt als einzigartig. Sie vereint Werke aus allen Schaffensphasen – von den frühesten Anfängen über den gemeinsamen Gruppenstil bis zum individuellen Spätwerk. Diesen Zusammenhang dürfte die in mehreren Tranchen stattfindende Auktion gründlich zerreißen. Gerlingers Kollektion umfasst tausend Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle, Holzschnitte, Radierungen, Lithografien, Skulpturen, zudem zahlreiche Dokumente. Zusammen mit dem Expressionismuskenner Heinz Spielmann verfasste er ein „Brücke“-Standardwerk. Die Sammlung war im Laufe der Zeit in drei Museen zu sehen: auf Schloss Gottorf in Schleswig, im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), zuletzt im Buchheim-Museum in Bernried.

Besonders schmerzhaft war der Abzug der Werke 2017 für das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale). Die von 1999 bis 2013 amtierende Direktorin Katja Schneider hatte den Sammler für ihr Haus begeistert, Gerlingers Dauerleihgaben  auf lange Sicht nach Halle geholt, mit Arbeiten der Gruppe „Blauer Reiter“ sowie Inkunabeln von Lyonel Feininger zusammengebracht und dadurch zu einem Wallfahrtsort für Expressionismusfans gemacht. Es hatte Gerlinger schon sehr geärgert, als die Kulturpolitik in Sachsen-Anhalt Schneider auf unfeine Art und Weise aus dem Amt drängte. Den Rest besorgte später eine Vertragsverletzung durch das Museum: Ein Selbstporträt von Schmidt-Rottluff war aus der Obhut des Hauses verloren gegangen. Wohin auch immer die Brücke-Werke der Sammlung Gerlinger nun gehen. Was weg ist, kommt nicht wieder.