Graswurzeldemokratie ist angesagt. Abermals bestätigt sich dieser erstaunliche Trend. In den bevorstehenden großen Kunstereignissen mit Weltgeltung deutet sich ein nie dagewesener Kollektivgeist an. Die bevorstehende Documenta 15 wird, wie wir bereits im Sommer erfuhren, von einem Künstlerkollektiv geleitet. Den renommierten Turner-Preis bekam, das war eine Sensationsmeldung, kürzlich eine politische nordirische Künstlergruppe. Die Tradition des allmächtigen Impresarios ist offensichtlich passé.

Auch die kommende 12. Berlin Biennale der zeitgenössischen Kunst vom 12. Juni bis 18. September 2022 wird, wie am Dienstag bekannt gegeben wurde, maßgeblich von einem Team gemacht. Auch schon 2020 waren es vier Leute. Zwar stellte die im Institut Kunst-Werke Auguststraße angesiedelte Biennale-Zentrale am 1. November den von einer Jury erwählten französischen  Documenta-Künstler Kader Attia als Maître de Plaisir vor. Doch fortan bilden Ana Teixeira Pinto aus Berlin, Do Toung Linh aus Hanoi, Marie Helene Pereira aus dem Senegal, Noam Segal aus New York und Rasha Salti aus dem Libanon das künstlerische Team um Attia. Alle haben viel Erfahrung im internationalen Kunstbetrieb, sie lehren, forschen, publizieren, gründeten Projekte, Kunsträume und sie kuratierten bereits wichtige Ausstellungen und Festivals.

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Kader Attia, hier mit einem seiner Kunstwerke, berufen als Kurator der 12. Berlin Biennale 2022,  freut sich auf  weibliche Verstärkung auf Augenhöhe. 

Das bedeutet fünffache Frauenpower um einen Mann, der sich seit Jahren mit dem Thema Gewalt, der Dekolonisierung, mit der Rückgabe von Objekten, der Heilung von gesellschaftlichen und kulturellen Verletzungen befasst, und Kunst als eine Art der Handlungsmacht sieht: Die Welt soll ein wenig gerechter und damit lebbarer gemacht werden. Er wird spannend werden, dieser Kunstparcours im kommenden Frühsommer. Seit ihrer Gründung 1998 hob die sich als internationaler Magnet erweisende Biennale stark auf die Geschichte, die Orte Berlins ab. Das Sextett will dazu eine Biennale mit gesellschaftlicher, politischer Relevanz, mit kritischen Debatten über unsere Zukunft.

Und für alle, die nun wegen des vergrößerten Teams eine Verteuerung der Biennale-Kosten argwöhnen: Die fördernde Bundeskulturstiftung hat im Etat von drei Millionen Euro das Salär für alle sechs im Leitungsteam von Anfang an eingepreist.