Diese Ansammlung von mit  Schlemm-Kreide und Salz beschmierten Nackedeis weiblicher wie männlicher Genesis zwischen Steinen und mit Blick auf die Wüste ist nicht etwa eine Inszenierung des Märchens von Hans Christian Andersens „Des Kaisers neue Kleider“. Es ist vielmehr eine ganz und gar nicht märchenhaft gemeinte Demonstration, sozusagen eine Mahn-Performance von Öko-Aktivisten.

In der Wüste Negev nahe dem Toten Meer, 25 Kilometer entfernt vom israelischen Arad, hat der US-amerikanische Fotokünstler Spencer Tunick 200 Leute versammelt, die für ein ausgesprochen salziges ökologisches Problem nackt posieren. In der jüdischen wie der arabischen Kultur ist das freilich ein Sakrileg, es gilt als unzüchtig, als Gotteslästerung, und wirkt somit als gehörige Provokation. Zudem erinnert die Performance ans Alte Testament: Die Nudes sind, wie  im Kapitel über Lots Frau, weiß angemalt. Jene war laut der Überlieferung am Toten Meer zur Salzsäule erstarrt, weil sie sich trotz des göttlichen Verbots auf der Flucht aus Sodom umdrehte, zurück auf die zerstörte Stadt der Sünder blickte. Die Aktion jedoch will gerade mit dieser geballten Nacktheit auf die Verletzlichkeit des unwiederbringlichen Öko-Systems verweisen, das gerade auch vom Tourismus und der einträglichen Sanatoriums-Industrie intensiv genutzt und reichlich strapaziert wird.

Wasserspiegel des Toten Meeres sinkt jährlich um mehr als einen Meter

Das salzhaltigste Meer der Welt ist ein weitgehend abflussloser See, der 428 Meter unter dem Meeresspiegel liegt, er wird vom (heiligen) Jordan-Fluss gespeist. Das Tote Meer trocknet aus, von Natur wegen, aber auch, seit vor 60 Jahren die Anrainer begannen, das Wasser des Jordans und die umliegenden Grundwasservorkommen, auch die Seitenflüsse, die nur periodisch Wasser führen, immer intensiver zu nutzen, gerade für den immer mehr boomenden Siedlungsbau sowie für Plantagen.

Neuerdings sinkt der Meeres-Wasserspiegel gravierend, auch die Süßwasserressourcen im Einzugsgebiet nehmen dramatisch ab. Das Tote Meer droht zur Salzwüste zu werden. Der amerikanische Fotograf zieht so auch die Parallele zur Salzwüste in seiner Heimat. Im US-Bundesstaat Utah, nahe dem noch Wasser führenden Salt Lake, kamen den indigenen Bewohnern schon vor langer Zeit die Wasser-Ressourcen abhanden. Nun verweist Tunick auf die stetige Zerstörung des Toten Meeres im Grenzgebiet zwischen Israel und Jordanien. Er sieht die Situation dort ungleich dramatischer als in Utah. Denn der Wasserspiegel an den gefragten Stränden von Eilat, Kalia Beach oder Ein Gedi Beach sinkt derzeit rasant, jährlich um mehr als einen Meter.