Berlin - Die Doppelbegabung von Strawalde alias Jürgen Böttcher gab zumindest in den letzten 31 Jahren im Westen des wiedervereinigten Deutschlands und beim jungen Publikum amüsanten Anlass zu Verwirrung und Missverständnissen. Böttcher, der Pionier des experimentellen DDR-Dokumentarfilms, und Strawalde, der Maler berückender, sinnlicher Frauenbildnisse sind ein und derselbe – der, den Freunde, Kunstliebhaber und Kritiker einhellig einen „kreativen Vulkan“ nennen.

In beiden Disziplinen war und blieb Böttcher, der sich als an der Dresdner Kunsthochschule ausgebildeter Maler nach seinem Oberlausitzer Heimatort Strahwalde benannte, der als Filmer – bis 1960 studierte er auch noch Regie an der Filmhochschule Babelsberg – den bürgerlichen Namen beibehielt, schon immer unangepasst und beeinflusste mit seinem Mut zum Experiment jüngere Künstler. Inhaltlich wie formal sind seine Filme bis heute wegweisend, denn sie suchen im Alltäglichen Lebenssinn und Schönheit. Seine Protagonisten sind immer die „kleinen Leute“, die von nebenan: Küchenfrauen, Wäscherinnen, Stahlarbeiter, Rangierer. In der Defa-Dokumentation „Drei von Vielen“ von 1961 näherte sich der Absolvent der Filmhochschule Babelsberg jungen Arbeitern, die sich der Kunst und einer alternativen Lebensweise verschrieben hatten. Der Film wurde in der DDR verboten, wie auch Böttchers einziger Spielfilm „Jahrgang 45“, Szenen einer Ehe im Berliner Hinterhof und in realsozialistischen Zwängen. Dass er den ideologischen Vorgaben strikt eigene Kunstauffassungen entgegenhielt, führte immer wieder zu schweren Konflikten.

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