In der disparaten Berliner Kunstszene gilt Juerg Judin mit seiner Galerie in den Mercator-Höfen an der Potsdamer Straße zum einen als Förderer junger internationaler Kunst – und zum anderen als Exzentriker. Er wohnte weder in einem Loft in Mitte noch in einer Zehlendorfer Villa, sondern kaufte vor Jahren eine verlassene Shell-Tankstelle samt Werkstatt in der ruppigen Bülowstraße, baute um, pflanzte ringsum an und lebt da.

Bislang. Denn nun verwandelt er sein ungewöhnliches Heim mithilfe von Bauleuten in ein George-Grosz-Museum, das erste seiner Art überhaupt. Zunächst für fünf Jahre. Ab Mai sollen Arbeiten des Malers, Grafikers und Karikaturisten George Grosz (1893–1959) zu sehen sein. Judins Leidenschaft für die Kunst des Berliner Dadaisten und den wohl sarkastischsten Polit-Sezierer der Weimarer Republik war in Kunstkreisen bekannt. Georg Grosz, bürgerlich Georg Groß, wurde 1933 von den Nazis ins US-Exil getrieben und kehrte 1956, schon schwer krank, zurück. Aus dem Ausstellungsprogramm der Galerie hielt Judin seine Passion heraus – vielleicht, um nun diesen Coup zu starten. Der Galerist hatte als Student in Zürich eine Lithografie von Grosz erstanden. Das war die Initialzündung. Er wurde zum Fan des Dadaisten und Veristen der Neuen Sachlichkeit.

Judin hat oft vor dessen krassem Hauptwerk „Die Stützen der Gesellschaft“, 1926, in der Neuen Nationalgalerie gestanden. Je drastischer, provokanter, expressiver dieser Berliner Gastwirtssohn seinerzeit Politik, Wirtschaft, Militär, Klerus sowie dem Spießertum den Spiegel vorhielt, desto größer wurde Juerg Judins Begeisterung. Niemand traf den Zustand der  molochhaften Großstadt, deren Abseitigkeiten, Abgründe und sozialen Gegensätze besser.

Eigentlich, so Judin, sei das Museum für Grosz' Vivisektion der gesellschaftlichen Verhältnisse viel zu klein. Der Künstler hätte viel mehr Platz verdient. Aber nun macht er eben so den Anfang. Für künftige Ausstellungen kann der Museumsgründer auf den Grosz-Nachlass sowie dem Projekt zugeneigte Privatsammlungen zählen. Die erste Schau im Mai gilt dem Frühwerk, sozusagen „Groß vor Grosz“.