George Grosz reist 1922 nach Sowjetrussland und sehnt sich nach Amerika

Die neue Ausstellung im Kleinen Grosz Museum Berlin erzählt bildhaft von einer Hassliebe des gesellschaftskritischen Malers.

Blick in die Ausstellung „1922 – George Grosz reist nach Sowjetrussland“ im Kleinen Grosz-Museum in der Bülowstraße
Blick in die Ausstellung „1922 – George Grosz reist nach Sowjetrussland“ im Kleinen Grosz-Museum in der BülowstraßeAndreas Domma

Vor hundert Jahren hatte auch den gesellschaftskritischen Maler George Grosz (1893–1959) die Neugier auf die weltbewegend revolutionären Veränderungen in Russland gepackt. Nun, ein halbes Jahr nach seiner Eröffnung im Mai 2022, zeigt der Trägerverein des Kleinen Grosz Museums um den Nachlassverwalter Ralph Jentsch und den Kurator Ralf Kemper seine zweite Ausstellung: „1922 – George Grosz reist nach Sowjetrussland“.

Die ambitionierte Schau wurde möglich dank intensiver, von der Stiftung Willi Münzenbergs Erben finanzierter, Archivrecherchen des Historikers und Kunstwissenschaftlers Christian Hufen in Moskau, Sankt Petersburg und Petrosawodsk, der Hauptstadt Sowjetkareliens. Das Projekt konnte 2020/21 noch rechtzeitig vor der russischen Invasion in der Ukraine abgeschlossen werden.

Das hundertjährige Jubiläum der Russlandreise des gesellschaftskritischen Dadaisten, Expressionisten und Veristen Grosz wird zum Anlass genommen, einmal herauszufinden, was die Hintergründe und Ergebnisse dieser Reise waren, die der deutsche Künstler Grosz zusammen mit dem dänischen Kommunisten Martin Andersen Nexö zwischen August und Dezember 1922 unternommen hatte. Das geplante gemeinsame Buch zu dieser Reise kam nicht zustande. Vermutlich war es den Kommunistenverfolgungen in der McCarthy-Ära der Vereinigten Staaten geschuldet, dass Grosz diesen Ausflug in das „Vaterland der Werktätigen“ in der englischen Erstausgabe seiner Autobiografie 1946 mit keiner Silbe erwähnt hat. Das Kapitel über die „Rußlandreise“ erschien erst 1953 in der von Melvin Lasky herausgegebenen antikommunistischen Zeitschrift „Der Monat“ auf Deutsch und wurde dann 1955 der deutschen Ausgabe von „Ein kleines Ja und ein großes Nein“ angefügt.

Nach der Lektüre der illusionslosen Schilderungen von Grosz’ Reiseeindrücken gingen die meisten Biografen davon aus, dass Grosz nach seiner Rückkehr 1923 in Berlin aus der KPD ausgetreten sei. Die Ausstellung im Kleinen Grosz-Museum will den Gegenbeweis antreten mit einer beeindruckenden Parade seiner Agitationsgrafik für die KPD bis 1925 beziehungsweise 1928. Im Agitpropstil von Wandzeitungen und mit viel roter Farbe werden die Stationen Revolution, KPD-Gründung, Dada Berlin, die Internationale Arbeiterhilfe von Willi Münzenberg und nicht zuletzt der IV. Weltkongress der kommunistischen Internationalen zum fünften Jahrestag der Oktoberrevolution abgehandelt. Grosz hatte die Parade als  Zaungast erlebt, wie bislang unbekannte Filmaufnahmen aus dem Staatlichen Russischen Film- und Fotoarchiv zeigen.

Ambivalente Reise-Reminiszenz: George Grosz’ „Revolution“, 1925, Tuschpinsel, Rohrfeder und Feder über leichter Vorzeichnung mit Bleistift.
Ambivalente Reise-Reminiszenz: George Grosz’ „Revolution“, 1925, Tuschpinsel, Rohrfeder und Feder über leichter Vorzeichnung mit Bleistift.VG Bildkunst Bonn/George Grosz Estate

Wer wäre vor dem Hintergrund seiner gewohnt präzisen und hyperrealen Beobachtungen in den Straßen von Berlin und New York nicht neugierig auch auf liebevoll sarkastische und genaue Schilderungen aus Murmansk, Petrograd und Moskau? Aber die gibt es nicht, das ist die große Enttäuschung dieser Ausstellung. Erhalten haben sich im Nachlass nur witzige skizzenhafte Beobachtungen von der Passage entlang der norwegischen Küste.

Neben der Agitationsgrafik blieb die Malerei für Grosz immer im Zentrum seiner künstlerischen Arbeit, aber sie sollte sachlich und klar wie eine Ingenieurszeichnung sein, wie er im „Kunstblatt“ von 1921 zu seinen neuen Bildern mit den bezeichnenden Titeln „Der neue Mensch“ und „Republikanische Automaten“ schreibt. In einem Artikel von Konstantin Umanskij hatte er 1920 erstmals vom sowjetischen Konstruktivismus gelesen. Ein Foto zeigt Grosz mit Melone, weißem Hemd und Krawatte und John Heartfield mit einem Schild mit der Aufschrift „Die Kunst ist tot. Es lebe die neue Maschinenkunst Tatlins“ auf der „Ersten Internationalen Dada-Messe“ in Berlin 1920. Voller Erwartungen besuchte Grosz daher auf seiner Russlandreise den Künstleringenieur Wladimir Tatlin in Petrograd, traf dort aber „einen seltsamen, naturburschenhaften Russen“ an. „Die Hühner, die er sich hielt, schliefen zum Teil in seinem Bett. In einer Ecke legten sie Eier ... und als er dann auf seiner selbstgemachten Balalaika spielte ... da erschien er mir keineswegs als einer jener ultramodernen Konstruktivisten, sondern als ein Stück echten, alten Rußlands. ... Ich habe nie wieder von ihm und dem seinerzeit so viel diskutierten ‚Tatlinismus‘ gehört“, schrieb Grosz in seiner Autobiografie.

George Grosz (1893–1959) in seinem Berliner Atelier, 20er-Jahre
George Grosz (1893–1959) in seinem Berliner Atelier, 20er-Jahreimago/United Archives International

Mag auch der Kalte Krieg abgefärbt haben auf seinen Reisebericht, Illusionen über die Diktatur des Proletariats konnte sich Grosz 1922 im Jahr der blutigen Niederschlagung des Kronstädter Aufstandes der Elite revolutionärer Matrosen und der Bauernaufstände südlich von Moskau in Tambow, wo Dörfer mit Giftgasgranaten beschossen wurden, nicht machen. Verantwortlich dafür war Leo Trotzki, den er als brillanten Redner auf dem Komintern-Kongress in Moskau erlebt hatte. Seinem Reisebegleiter Nexö schrieb er ins Stammbuch: „Die Wahrheit ist nach Lenin ein bürgerliches Vorurteil, also damit für einen gläubigen Genossen endgültig abgeschafft.“ Im Mai 1933, im Jahr seiner Emigration in die USA,  kündigt Grosz dem befreundeten Dichter Hermann Borchardt bereits „den herrlichen Dreibund Stalin-Hitlermann-Mussolini“ an.

Aus Russland zurück in Berlin mit einer schweren Fischvergiftung, bat Grosz bereits am 8. Dezember 1922 in zwei Briefen an den amerikanischen Publizisten Max Eastman und den Dichter Claude McKay, zwei seiner neuen Bekanntschaften aus Moskau, um Unterstützung für eine 1923 geplante Amerikareise. 1932 endlich dort angekommen, schreibt er seinem Verleger und Freund Wieland Herzfelde: „Vergleiche ich mit ... Rußland, so fällt mein Urteil zugunsten Amerikas aus. Es ein wunderbares Land, ... brutal und lachend in einer sympathischen Mischung, ... wild ... ungeregelt ... zügellos ... In einem wunderbaren Sinne geschmacklos und roh ... mit ungeahnten Möglichkeiten.“

Das  Kleine Grosz-Museum in der Bülowstraße: Der rechte Gebäudeteil war einst eine 50er-Jahre-Shell-Tankstelle und bis zur Museumseröffnung Wohnhaus des Galeristen Juerg Judin. Im schmalen Neubau links befand sich dessen Bibliothek, nun zwei Ausstellungräume. 
Das Kleine Grosz-Museum in der Bülowstraße: Der rechte Gebäudeteil war einst eine 50er-Jahre-Shell-Tankstelle und bis zur Museumseröffnung Wohnhaus des Galeristen Juerg Judin. Im schmalen Neubau links befand sich dessen Bibliothek, nun zwei Ausstellungräume. dpa/Jörg Carstensen

Für dieses Lebensgefühl hat der Galerist und Grosz-Sammler Juerg Judin das ideale Gehäuse bereitgestellt, als er mit einem Freundesverein Das Kleine Grosz Museum in der originellen Kulisse einer Shell-Tankstelle aus dem Jahr 1956 eröffnete, die bis dahin seine private Residenz war. Während draußen die Hochbahn und der Verkehr lärmen, betreten die Besucherinnen und Besucher eine von dichtem Bambus umschlossene Kulturoase mit Enten im Teich, Wasserspielen und Vögeln. Grosz hätte an dieser echt amerikanischen Verbindung von Benzintempel und Paradiesgarten bestimmt Gefallen gefunden. Die nächste Ausstellung im Kleinen Grosz-Museum sollte nach der Hassliebe zu Russland die ambivalente Zuneigung von Grosz zu Amerika thematisieren, das er 1917 im „Gesang der Goldgräber“ beschwor: „Amerika!!! Zukunft!!!“ Auch dieser Traum endete für den  deutschen Exilanten in Depressionen.

Kleines Grosz-Museum Berlin

Kleines Grosz Museum Berlin, Bülowstraße 18, bis 31. März 2023, Do.–Mo. 11–18 Uhr, Fr. bis 20 Uhr. Der Katalog mit 246 Seiten ist im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König erschienen und kostet 35 Euro.