Über 60 Jahre lang gingen Generationen von Görlitzern an dem Haus mit dem grafischen Giebelbild einer Sonnenuhr und eines Stadtplans der Neißestadt vorbei, ohne dass ihnen ein „Ah“ oder „Oh“ entfuhr. Das Motiv auf der weißen Wand gehörte einfach zum gewohnten Anblick. So wie die Straßenlaternen und das gegenüberliegende Ufer des Grenzflusses oder die Häuserzüge vom polnischen Zgorzelec.

Wen immer die Neugier getrieben hätte, von wem die Illustration da oben an der ehemaligen Schule des Ortsteils Hagenwerder stammen könnte, wäre nicht mal im Stadtarchiv fündig geworden. Der Dresdner Galerist André Döhring suchte für eine Dokumentationsausstellung (Eröffnung am 1. Februar in der Dresdner Galerie, George-Bähr-Str. 20) nach Werken des „Kunst am Bau“-Programms der DDR. Dabei war ihm das Fresko aufgefallen.

Für das Lebenswerk nicht relevant

Er recherchierte den Urheber und fand die Antwort im Gerhard-Richter-Archiv der Dresdner Kunstsammlungen: Es handelt sich tatsächlich um ein Werk der aus Dresden stammenden, 1961 noch vor dem Mauerbau in den Westen geflohenen Malerberühmtheit. In einem Buch ist diese Auftragsarbeit aufgeführt, gemalt vom Hochschulabsolventen Richter, um 1956/57. Nicht mal sehr alte Görlitzer wussten, erzählt Döhring, wer damals da oben, im staatlichen Auftrag den Pinsel schwang.

Möglicherweise hat auch Richter, Deutschlands berühmtester lebender Maler und einer der höchstgehandelten Künstler der Welt, diese Arbeit längst vergessen. Oder verdrängt. Bekannt ist ja, dass der demnächst (9. Februar) 90-jährige Wahlkölner seinen Frühwerken gegenüber ein ambivalentes Verhältnis hat. Seine Diplomarbeit „Lebensfreude“ im  Dresdner Hygiene-Museum, nach seiner Flucht auf Anweisung der DDR-Behörden überstrichen, wie auch die in der Kunsthochschul-Mensa gemalte Vordiplomarbeit „Abendmahl mit Picasso“, wurden nach der Wende und der beginnenden euphorischen Richter-Verehrung in seiner Geburtsstadt ein stückweit freigelegt. Er wollte, dass man das wieder überstreicht.

Wie der Maler sich nun zu seinem übersehenen, dadurch vor der Tilgung durch Ulbrichts Kulturdogmatiker geschützten Giebelbild in Hagenwerder verhält, ist nicht bekannt. Dietmar Elger, Leiter des Richter-Archivs im Dresdner Albertinum, meint, die Sonnenuhr sei für Richters Lebenswerk künstlerisch nicht relevant.