Mitte dieser Woche ist für Sammler wieder Showtime. Endlich wieder als unmittelbares Erlebnis, im Angesicht der aufgerufenen Werke und des Auktionators, nicht nur online, wie es die Pandemiesituation bei den Herbstauktionen 2020 verlangte. Im Berliner Auktionshaus Villa Grisebach beginnen die Sommerauktionen. Malerei und Papierarbeiten vom 19. Jahrhundert, etwa von Adolph Menzel, bis in unsere Gegenwart sind im Aufgebot, Fotografie ebenso. Ob historisch oder zeitgenössisch – das Angebot ist handverlesen.

Auktionshaus Villa Grisebach
Carl Grossberg: „Selbstbildnis“, 1928, Öl auf Holz

Hoch im Kurs stehen wieder Werke der Neuen Sachlichkeit, vor allem Porträts aus den 1920er- und 1930er-Jahren. Ein Selbstbildnis des Malers Carl Grossberg von 1928 etwa erzählt von der Sehnsucht nach Vernunft und Sachlichkeit in einer schier irrational gewordenen Zeit zwischen zwei Weltkriegen, zwischen Weimarer Republik und aufkommender Nazidiktatur. Das war eine Zeit, die uns Heutigen gewisse Parallelen bewusst macht. Der Maler malte sich selbst vor einer Kulisse, die deutlich macht, dass Maschinen die Zukunft bestimmen werden, die es dem Menschen leichter machen, ihn jedoch auch von der gewohnten Arbeit entfremden. Den Pinsel hält Grossberg wie zur Mahnung als Zauberstab in der Hand. Der Mensch ist schließlich der Gestalter seiner Zeit und der Zukunft. Magier oder Zerstörer?

Die Grisebach-Auktion bietet diesmal eine der eigenständigsten Künstler-Gruppierungen der Weimarer Republik auf – die der „Progressiven Künstler Köln“ um den Star-Fotografen August Sander: Wie in einem Brennglas verdichten sich in den Bildern die Fragen und Themen der Zeit. Nicht wenige der angebotenen Arbeiten werden erstmals auf dem Kunstmarkt aufgerufen. Dazu gehört auch das 1925 von Franz Wilhelm Seiwert geschaffene monumentale „Wandbild für einen Fotografen“, das lange Zeit als Leihgabe im Kölner Museum Ludwig hing – ein stark an den Bauhausstil angelehntes Hauptwerk des Künstlers, eine Ikone der Epoche. Ein Höhepunkt der Auktion dürfte auch die Versteigerung der Malerei-Werke von Emil Nolde über Gerhard Richter (so ist sein Gemälde „Heidi“ , 1965 im Angebot), bis zu Motiven von Neo Rauch und Fernando Botero sein. Und für Beuys’-Sammler: Der „Eurasienstab“ von 1974 kommt, so kurz nach dem 100. Geburtstag  des Schamanen vom Niederrhein, unter den Hammer.

Lange Zeit war auf dem Kunstmarkt kein Gemälde des einstigen Jugendstilmalers Heinrich Vogeler zu haben. Sein 1912 gemaltes idealisiertes Gemälde in Blau, Grün, Weiß, Titel: „Träume II (Frühling)“ ist etwas Besonderes. Bekanntlich änderte sich Vogelers Stil einige Jahre später eklatant. Er verließ, inspiriert von der Idee des Kommunismus nach einer Sowjetunion-Reise, die Jugendstil-Künstleridylle Worpswede – für ein Leben in Moskau. Nach dem Überfall der Hitlerarmee auf die UdSSR wurde Vogeler auf Stalins Befehl als „feindlicher Deutscher“ nach Kasachstan interniert und starb dort, nicht ohne noch ein Konvolut von zwar agitatorischen, jedoch großartig gemalten Bildern zu schaffen. Diese gehören der Nationalgalerie, sind leider kaum einmal ausgestellt. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Auktionshaus Villa Grisebach/VG Bildkunst Bonn 2021
Konrad Lueg: „Bockwürste auf Pappteller“, 1962/63

Jetzt können Auktionsbesucher und Mitbieter gespannt sein, wer am Ende Konrad Luegs Gemälde „Bockwurst auf Pappteller“ von 1962 ersteigert, einen Pop-Gruß aus der aufmüpfigen Düsseldorfer Gruppe „Kapitalistischer Realismus“,  kurzzeitige Wiedergänger der Dadaisten.

Auktionshaus Villa Grisebach, Fasanenstraße 25 , letzte Vorbesichtigung noch Dienstag, 8. Juni, 10 bis 15 Uhr, Auktionen am 9., 10., 11. Juni. Alle Infos: www:Grisenbach.com