Berlin - Alles in diesen Räumen am Askanischen Platz, bis hinunter ins Galerie-Souterrain, dreht sich um Licht, Farbe und Linie. Um Zeit und deren besondere Momente. Wochenlang bangte das Paar, die erste gemeinsame Berliner Schau könnte wegen des Lockdowns ungesehen bleiben. Aufatmen, bis Ende März wurde verlängert.

Die Malerin Ulrike Seyboth, geboren 1970, und ihr Mann, der Zeichner und Bildhauer Ingo Fröhlich, Jahrgang 1966, gehen das Wagnis ein, über ihre jeweilige Formensprache gemeinsam die Welt zu erkunden und sich in einem Kunst- und Lebens-Dialog gegenseitig Stichworte zu geben. Islands eigenartige Natur spielt eine Rolle – das Eisblaugrüngrau der Gletscher, Schneewirbel, die wilden Wolkenfetzen, die zarten Blütenfarben des geizigen Sommers bei ihr. Und die Wellenkreise im Atlantik, die Linienformationen der schroffen Insel-Tektonik bei ihm.

Eine geradezu seismografische Wahrnehmung des Geschauten, Erlebten spricht aus der Kunst des Paares. Und beide haben die Landschaft der Bourgogne für sich als gelegentliche Wahlheimat entdeckt, Languedoc, wo die gebürtige Erzgebirglerin und der gebürtige Niedersachse so oft wie möglich arbeiten. Auf Seyboths abstrakten, poetischen Ölbildern und Collagen meint man die Sonne auf der Haut zu spüren, die üppige Blütenpracht und den Wein geradezu zu riechen, die Musette-Walzer zu hören. Diese intuitiven Bilder sind wie Tagebücher.

Foto: Uwe Walter
Blick in die Berliner Ausstellung des Paares.

Und in Fröhlichs monochromen Zeichnungen, den wandfüllend großen wie den winzigen, seriellen, scheint der Wind durch die Strichbüschel zu fahren, Wirbel zu drehen, im Getreidefeld, in den Grasbüscheln, die später zu Monet’schen Heuhaufen werden. Oder im Fell eines Hundes. „Windstriche“ nennt er diese Formen, die Linien, Punkte, Kommas und Kreise, sein „Zeichner-Alphabet“.

Hunderte solcher Alphabet-Blätter – für einen Musiker wären es Notenblätter und für einen Dichter Notizzettel – liegen in einem hölzernen Archivregal mit beiderseits herausziehbaren Schüben. Fröhlich, gelernter Schreiner, hat das schlichte Möbel vor Jahren selbst gebaut. Nun wird es zur auratischen Skulptur gleich mitten im ersten Galerieraum. Und mit seinem Inhalt zum Arsenal seiner Zeichenkunst, als „eine andere Art von Sprache“, wie der amerikanische Bildhauer und Zeichner Richard Serra es sagte.

Es ist nicht zu übersehen, Fröhlich faszinieren die Spuren von Bewegung. Die hält er fest auf dem Papier, bannt mit Blei- oder Kohlestift das Momentane des Flüchtigen, beschreibt so Dynamik, Zeit und Zwischenraum. Dafür hat er auch ein Stück Wand der Guardini Galerie mit Ringformen versehen, als wollte er so den steifen technoiden Verlauf der Lüftungsrohre fantasievoll auflockern. Wäre ich Galeristin, ich würde diese poetische Raumbereicherung auch nach Ende der Schau so belassen.

Foto: Uwe Walter
Ausstellungseinblick.

Die Ausstellung ist eine Kooperation der Guardini Galerie mit dem Musées de Sens im französischen Burgund. Ab Anfang Juni wird Fröhling vor dem ehemaligen Bischofspalast gegenüber der Kathedrale von Sens eine durch den besonderen Ort inspirierte begehbare Raumzeichnung als Labyrinth schaffen, in der er den steinernen gotischen Ornamentlinien, auch der Fensterrosette nachspürt. Ulrike Seyboths Bilder, diese spontan auf die Leinwand gesetzten Chiffren des Lebens, des ewigen Werdens und Vergehens, mal himmelhoch jauchzend, mal zu Tode betrübt, füllen dann die burgundische Orangerie.

Bliebe noch zu sagen, dass wir die Kunst von Seyboth und Fröhlich kommenden Sommer hoffentlich auch wieder in der Künstlergemeinschaft Torstraße 111 sehen können, in jenem für das gentrifizierte Berlin einzigartigem kreativen Biotop in einem alten Haus in der Rosenthaler Vorstadt. Vor über 20 Jahren gründete das Paar – es hatte sich beim Studium an der Kunsthochschule Weißensee gefunden – hier dank einer kunstliebenden und non-profit-orientierten Hausbesitzerfamilie eine Ateliergemeinschaft und schuf mit eigener Kraft und ausschließlich privaten Mitteln der Projektgruppe ein Künstler-Refugium als Freiraum.

Guardini Galerie, Askanischer Platz 4. Bis 26. März, Mo–Fr 13–18 Uhr, tel. Anmeldung: 217358-0 oder info@guardini.de Das im Lukas Verlag erschienene Katalogbuch zum 20. Jubiläum Torstraße 111 liegt am Galerie-Counter bereit, 30 Euro, zu erwerben auch im Atelierhaus Torstraße 111