Berlin - Der markante Bart, die schulterlangen Haare sind weiß geworden. Vor nicht allzu langer Zeit, als es noch richtige Vernissagen mit vielen Leuten und Wein gab, ehe Corona das strikt verbot, da stach Harald Kretzschmar mit seiner hohen, hageren Figur und der großen Brille deutlich heraus aus dem Publikum vor den Bildern von Künstlerkollegen aus dem Osten. Manchmal trug er eine pittoreske schwarze Baskenmütze, und immer presste er beim Herumgehen einen Skizzenblock an die Brust und machte sich Notizen, weil er öfter Rezensionen verfasste, die dann meist im Neuen Deutschland erschienen. Oder er zeichnete kleine Porträts von den Leuten beim Bilder-Gucken oder bei ihren Schwätzchen.

Eulenspiegel-Karikaturist, Grafiker und Feuilletonist Kretzschmar ist bekannt als Mienen- und Posen-Leser. Pointiert ist sein Strich, den die Vorliebe fürs entschlossen Knappe charakterisiert, verbunden mit Lapidar-Symbolischem, leicht Lesbarem. „Als Karikaturist muss man selbständig denken. Ideen besitzt man nicht, von einer Idee ist man besessen“, pflegt der einstige Leiter der Sektion Karikatur im Verband Bildender Künstler der DDR und Mitbegründer des Museums Satiricum Greiz zu sagen. Zu DDR-Zeiten war die thüringische Sommerresidenz aus  Fürstenzeiten eine mutige Instanz der stillen kulturellen Auflehnung. Heute ist das Haus beliebter Treffpunkt und Ausstellungsort der  satirischen Zeichner-Kunst.

Seine Porträtkarikaturen, vor allem von prominenten Künstlern und Denkern der ehemaligen DDR wie aus dem vor 31 Jahren wiedervereinigten Deutschland, sind nicht bloß bekannt aus Zeitungen, Zeitschriften und Büchern. Sie sind auch sprichwörtlich „auf den Typ“ gebracht: Kretzschmar nämlich, der in den 1950er Jahren sein Zeichner- Handwerk an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst studierte, bringt das Charakteristische, das Innere einer Person geradezu indiskret aber auch liebevoll auf den Punkt mit seiner Handschrift: leicht und witzig, nie aber boshaft oder gehässig.

Als sein Vorbild bezeichnete Kretzschmar einmal Erich Ohser, alias E.O. Plauen mit den humoristischen Zeichnungen „Vater und Sohn“. Und herrlich entspannt gerieten die Reiseskizzen und die daraus entstandenen großformatigen Zeichner-„Extrakte“, wie viele seiner Arbeiten erschienen als Buch, ob nun mit den politischen Karikaturen oder den philosophischen Cartoons. Am Pfingstsonntag wird Harald Kretzschmar 90. Der gebürtige Berliner darf das nach dem Ende des schier ewigen Lockdowns feiern in seinem Haus im Kleinmachnow, in kleiner Runde und möglicherweise auch mit einigen Freunden der grafischen Kunst von der Pirckheimer-Gesellschaft, deren Mitglied er schon lange ist.