Berlin - Dieses Gemälde war immer ein Skandal: jener „Amor als Sieger“ des Michelangelo Caravaggio, der am 28. oder 29. September vor 450 Jahren geboren wurde. Zu finden in der Neuen Gemäldegalerie am Kulturforum. Ein frech grinsender, nackter Straßenjunge mit aufgeregt flatternden Flügeln sitzt da, weit sind die Beine gespreizt, kräftig tritt er auf Noten, Musikinstrumente, Zirkel, eine schimmernde Rüstung, Krone, Buch und Federkiel. Der eine Pfeil in seiner Hand entfacht die Liebe, der andere tötet sie ab. Botschaft: Die Liebe ist wankelmütig und sie siegt über alles, sogar mit dreckigen Fußnägeln.

Zeitweilig verschlossen Vorhänge das Gemälde, weil es, wie der niederländische Kunstschriftsteller Sandrart schrieb, alle anderen Bilder künstlerisch „verfinstere“. Caravaggios Konkurrent Giovanni Baglione malte noch 1603 eine Antwort, den „Himmlischen Amor“: Ein pathetisch gerüsteter Engel wirft den frechen Jungen zu Boden, seine Pfeile liegen vor dem Hintern. Eigentlich regte sich im barock-päpstlichen Rom kaum jemand auf über das Liebesleben des Auftraggebers Vinzenzo Giustinani und Caravaggios. Man war tolerant. Jedenfalls, wenn es sich um die sexuelle und künstlerische Ausbeutung von Frauen und Straßenkindern handelte. Aber eine so nett gemalte Denunziation war doch zu starker Klatschstoff.

1815 erwarb der preußische König Friedrich Wilhelm III. beide Werke. Man kann fast noch hören, wie die Hofschranzen damals stöhnten: Unsere sittenreine Luise, sie rotiert sicher im Charlottenburger Grabgehäuse. Doch dem Monarchen war es wichtiger zu zeigen: Berlin ist eine Kunsthauptstadt, will konkurrieren, und sei es durch den Skandal. Zum 1815 erworbenen Konvolut gehörte ja auch der in seinem groben Naturalismus ähnlich sensationelle „Ungläubige Thomas“, der bis heute in der Potsdamer Gemäldegalerie hängt. Da zupft der Jünger doch wirklich am Fleisch des auferstandenen Herrn!

Der Künstlerkult der Moderne begeisterte sich gerade an diesem Bruch aller Konventionen. Aber noch um 2014 wurde Caravaggio wieder einmal als Jünglings- oder gar Kinderschänder angeprangert und gefordert, das Bild aus der Galerie zu entfernen. Dabei zeigt es vor allem eines: Absolute Wahrheit gibt es nicht, Bagliones „Himmlischer Amor“ verblasst immer noch neben Caravaggios höchst irdischem, vieldeutigem, sexistisch grinsendem „Siegreichen Amor“.