Brlin -  Am 27. Juni öffnet Anoha, die Kinderwelt des Jüdischen Museums Berlin. Coronabedingt über ein Jahr später als geplant, aber nun hat Berlin ein Kindermuseum, das zu den schönsten und attraktivsten der Welt gehört. Das Faultier an der Fassade der einstigen Blumengroßmarkthalle gegenüber dem Haupthaus sagt viel über dessen Gestaltungsprinzipien. Es besteht in erster Linie aus ein paar hundert Fahrradschutzblechen, gebaut wurde es in Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern in der Werkstatt der Kreuzberger Firma Kubix, die auch die anderen 150 Tiere fabriziert hat – aus Recyceltem und Gebrauchsgegenständen.

Man würde am liebsten jedes einzelne Tier beschreiben, hier wenigstens ein paar: Die Zähne des Esels bestehen aus einer ausrangierten Computer-Tastatur, Kopf, Rumpf und Beine sind aus einem Fußball, Stöckelschuhen, Körben, Besen und Tischbeinen gebaut. Das Nashorn ist mit Löschschläuchen umwickelt. Das reich dekorierte Einhorn trägt eine Diskokugel im Bauch, es hat eine Löffel-Rüstung und eine bunte Mähne aus Seilen. Dieses vor allem bei Grundschulmädchen beliebte Fabelwesen ist ein Hinweis darauf, dass hier ebenfalls Kinder ihre Hände im Spiel hatten. Ein Beirat, besetzt mit Kindern von sechs Berliner Grundschulen, hat die Arbeit an Anoha begleitet.

Yves Sucksdorf
Anoha ist geprägt von Nachhaltigkeit und Fantasie.

Monika Grütters nennt Anoha eine „Schule der Toleranz“

Anoha ist geprägt von Nachhaltigkeit und Fantasie. Ein wichtiges Ziel scheint gewesen zu sein, jedem Tier eine freundliche Ausstrahlung zu verleihen. Nicht nur das Faultier lächelt, alle Tiere machen einen sympathischen Eindruck, auch wenn ihre Gesichter aus alten Milchkannen und Salzstreuern bestehen, wie bei der Lemurenbande. Mit dabei sind queere, fantastische, ausgestorbene und bedrohte Arten, ein Mops im Rollstuhl, Patchwork-Familien. Diese Tierwelt ist so divers wie die Berliner Stadtgesellschaft. Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters sprach bei der Pressekonferenz vor der Eröffnung von einer „Schule der Toleranz“. Der Bund hat Bau und Ausstellung mit neun Millionen Euro gefördert. Anfassen ist ausdrücklich erlaubt. Das Museum hat einen extragroßen Wartungsetat bereitgestellt, falls mal etwas kaputtgehen sollte.

Aufgehoben sind die Tiere in einer runden Arche aus hellem Fichtenholz, sieben Meter hoch mit einem Durchmesser von 28 Metern; 2700 Quadratmeter beträgt die Ausstellungsfläche insgesamt. Der Entwurf für dieses erste Kindermuseum in einem Jüdischen Museum in Deutschland kommt aus den USA, vom Büro Olson Kundig. Es lehnt an die Erzählung von der Arche Noah im ersten Buch der Tora an, die aus den fünf Büchern Mose besteht, also von Christen und Juden geteilt wird. Aber Flutgeschichten, die oft auch Fluchtgeschichten sind, gibt es noch in vielen anderen Kulturen und sie haben einen höchst aktuellen Bezug. Anoha interpretiert die Erzählung von der Bedrohung, ja vom Untergang der Welt neu, und probiert einen Neuanfang angesichts des steigenden Meeresspiegels und dem Aussterben vieler Arten.

Yves Sucksdorff
Kinder gestalten die Welt in Anoha

Anoha: Die Welt durch eigenes Handeln besser machen

Konkret sieht das so aus: Nachdem die Kinder durch einen Gang gekommen sind, in dem eine Tonspur und Lichteffekte den drohenden Sturm nachempfinden, gelangen sie zur Arche, in der gekocht, gebaut und geklettert werden kann. Tiere werden mit bunten Filzkugeln gefüttert, Mist gehört in die Kompostieranlage, zum Ausruhen dient ein Riesenfaultier und es gibt eine 14 Meter lange Wasserstraße. Zusammenarbeiten müssen sie, um etwa den Eisbär in die rettende Arche zu schaffen. Pädagogen geben Hilfestellung und Rat. Es gibt eine Bühne, eine Werkstatt, einen Ozean aus Bällen. Kinder gestalten diese Welt. „Angelehnt an das jüdische Konzept Tikkun Olam, das dazu auffordert, die Welt durch eigenes Handeln ein Stück besser zu machen“, wie Hetty Berg in ihrer Rede sagte.

Mit der Kinderwelt positioniert sich das Jüdische Museum Berlin nicht nur international neu, sondern vor allem in seiner Nachbarschaft, in Berlin, in Kreuzberg. Die Leiterin des Jüdischen Museums Berlin Hetty Berg sagte schon bei ihrem Amtsantritt vor gut einem Jahr, sie hoffe, dass Anoha ein neuer Anziehungspunkt im Kiez werde und eine Möglichkeit für einen ersten Kontakt mit dem Museum. „Und wir hoffen, dass in Zukunft mehr Berliner kommen“, sagte sie. Bisher kommen rund 75 Prozent der Besucher des Jüdischen Museums Berlin aus dem Ausland, 15 Prozent aus anderen Teilen Deutschlands.

Es ist eine schöne Vorstellung, dass Anoha ein Spiel- und Lernplatz für Kreuzberger Kinder wird und ihre Eltern am Rand der Arche miteinander ins Gespräch kommen.

Anoha öffnet am 27. Juni. Samstags, sonn- und feiertags sowie in den Schulferien ist die Ausstellung 10.30–16 Uhr für Familien geöffnet, dienstags bis freitags von 9–13 Uhr für Kitagruppen und Grundschulklassen. Noch besteht Maskenpflicht. Der Eintritt ist frei, im Moment allerdings nur mit einer Anmeldung möglich. Weitere Informationen unter: www.anoha.de