Berlin - Die abstrakte Kunst treibt seit ihrem Entstehen vor über 100 Jahren immer neue Blüten – nicht nur ästhetisch,  sondern auch politisch.  Wie ein mäandernder Strom und nie versiegender Quell der Inspiration zieht sie sich, vorbei an der Pop Art und immer neuen Formen der Figuration durch die Moderne und Postmoderne bis in die Gegenwart. Diesem Strom aktueller Tendenzen der Abstraktion zu folgen, sich in ihm treiben zu lassen, dazu bietet „Ways of Seeing Abstraktion“ im Palais Populaire Gelegenheit.

Im Entrée des Treppenhauses gibt Claudia Wiesers Rauminstallation „In the Round“ aus gefliesten Säulen mit Mustern aus Kreisen, Quadraten, Flächen, Spiegeln und Fototapeten mit Ausschnitten von Berlins Tiergarten und klassizistischen Architekturelementen einen Vorgeschmack. Die in Berlin lebende Künstlerin orientiert sich in dieser Arbeit am Geiste Le Corbusiers, dem Bauhaus und scheint selbst deren Rezeptionsgeschichte in sich zu tragen, so zeittypisch mutet ihr Eklektizismus aus Form, Farbe und Vexierspiel an. Es ist ein Auftragswerk für diese Schau und basiert, wie die Werkauswahl der 47 Künstler und Künstlerinnen, auf der persönlichen Sicht des Kurators Friedhelm Hütte. Seit vielen Jahren verantwortet er die DB-Sammlung  und hat damit auch deren Aufnahme der abstrakten Strömungen der Gegenwartskunst geprägt. Es ist schon die dritte Präsentation mit Werken aus der hochkarätigen Spezialkollektion, die knapp 170 Werke von 1959 bis 2021 umfasst, darunter Gerhard Richter, Gunther Förg. Und Karin Sander.

Foto:: VG Bildkunst Bonn/Claudia Wieser
Blick ins Foyer mit Treppenhaus: Claudia Wiesers Rauminstallation „In the Round“ aus gefliesten Säulen mit abstrakten Mustern

Der Rundgang beginnt mit einem Blick zurück und wirft uns gleich am Anfang mit der geometrischen Abstraktion „Variationen zu Otto Freundlich“ des Dresdners Wilhelm Müller (1928–1999) in die Vergangenheit. Der Maler und Grafiker, ausgebildet von Hermann Glöckner, einem Mitbegründer des Konstruktivismus, widersetzte sich dem DDR-Diktat des sozialistischen Realismus. Stattdessen setzte Müller sich mit dem heroischen Menschenbild des Künstlers Otto Freundlich auseinander, einem der ersten Vertreter der abstrakten Kunst, der 1943 unter dem Nazi-Regime ermordet wurde.

Nima Nabavi – eine Entdeckung

Gegenüber fällt das Werk des Iraners Nima Nabavi ins Auge, laut Hütte eine Neuentdeckung, die er kürzlich in einer Online-Auktion für die Sammlung ankaufen konnte. Der Künstler, der in Dubai lebt, erforscht in seiner Farbzeichnung mit 6000 bunten Linien die „heiligen“ Muster des Islam. Das achteckige Motiv „Islamic Pattern“ fasziniert durch  kaleidoskopisch vibrierende Tiefe. Es ist die haptische Anmutung einiger Werke, die nicht allein wegen der langen pandemiebedingten Abstinenz realer Kunstbetrachtung überrascht. Es ist auch deren Frische. Da werfen etwa die kleinen bunten, auf weißes Papier aufgeklebten Streifen in der Collage der Konzeptkünstlerin Charlotte Posenenske krumpelige Schatten und formieren sich zu einer Miniskyline.

Da hebt sich das ockerfarbene neben dem roten Farbquadrat des japanisch-amerikanischen Minimalisten Tadaaki Kuwayama  eigenwillig vom fasrigen Bütten ab. Eine große Lust am Umgang mit dem Material Papier und Farbe zeigt sich auch in der Serie von Bernhard Härter. Getränkt, gefaltet, bestäubt und getackert formen sich die Blätter zu fantasieanregenden räumlichen Konstellationen. Während daneben Albert Oehlens gestische Abstraktionen über die braunen Packpapierflächen ausufern und zugleich ineinander verwirbeln, als gelte es, auch innere Grenzen zu sprengen. Dem gegenüber beschwichtigt die hell-pastellige, serielle „Studie zum Oben und Unten“ über der Farbe Weiß des Künstlers Bernd Minnich.

Hegemoniale Erzählungen hinterfragen

Wie konkret abstrakte Kunst auch sein kann, zeigen die Arbeiten der Frankokanadierin Kapwani Kiwanga, Anthropolgin und Anhängerin eines Afrofuturismus. Wie in den  Counter-Illuminations und „Linear Paintings“ vermischt sie Wahrheit und Fiktion mit der Absicht, hegemoniale Erzählungen zu hinterfragen. Auf wandhohen Rigipsplatten hat sie die weiß-grünlichen Wandfarben eines Krankenhausflures nachempfunden.

Die Werke befeuern die Lust am Sehen. So erschließt sich auch das titelgebende „Ways of Seeing Abstraction“. Hergeleitet ist es von der populären BBC-Fernsehserie „Ways of Seeing“  des Kunstkritikers und Malers John Berger aus den Siebzigern, der sein Publikum sinngemäß so auf die Kunst einstimmte: Weil wir diese Bilder so sehen, wie sie noch niemand zuvor gesehen hat, werden wir auch etwas über uns selbst und die Situation, in der wir leben, herausfinden … Genau dafür schafft die abstrakte Kunst unendlich viele Spiel- und Denkräume – und Ausblicke. So endet der Rundgang mit einer irisierenden „Transparenz“, einem Gemälde des Avantgardisten Lothar Quinte von 1987, und einem poetischen Verweis auf das, was übers Heute hinaus so dringend notwendig ist.

Palais Populaire, Unter den Linden, 27. März 2021 bis 7. Februar 2022 , Infos und online: www.db-palaispopulaire.de