Sascha Wiederhold: Drei Bühnenbilder aus Großvaters Erbe hingen im Schlafzimmer

Vergessen und wiederentdeckt – es gibt weitere Funde vom Maler Sascha Wiederhold. Die Nationalgalerie nimmt sie in die laufende Schau auf.

Von der Schlafzimmerwand der Berliner Familie Barber in die Neue Nationalgalerie: Sascha Wiederholds Bühnenbildentwurf „Nachtlokal 3 Eulen“ zu „Kolpack muss tanzen“ von Hellmuth Unger, für das Stadttheater Tilsit, 1929.
Von der Schlafzimmerwand der Berliner Familie Barber in die Neue Nationalgalerie: Sascha Wiederholds Bühnenbildentwurf „Nachtlokal 3 Eulen“ zu „Kolpack muss tanzen“ von Hellmuth Unger, für das Stadttheater Tilsit, 1929.Sammlung Barber/SMB/Nationalgalerie

„Zufälle gibt es nicht“, sagt ein Sprichwort, „es fällt einem zu, was fällig ist.“ Georg Barber, Künstler in Berlin, Hochschullehrer an der Burg Giebichenstein Halle, stimmt dem zu. Er sieht aus dem Busfenster heraus Museumswerbung. Die Neue Nationalgalerie zeigt Bilder des wiederentdeckten Sascha Wiederhold (1904–1962), eines vergessenen Malers der Goldenen Zwanziger in Berlin. Es klingelt in Barbers Kopf, als er die Bilder, gemalt um 1929, sieht. Solche Motive kennt er doch: aus der Mappe im Grafikschrank daheim. Geerbt vom Großvater. Drei hängen sogar im Schlafzimmer: Blätter von intensiver Farbigkeit, die abstrakten Formen simultan. Die Moderne im Schleudergang: Bühnenbildentwürfe, wo Raum und Zeit sich zu durchdringen scheinen. Als wäre eine technisierte Welt ins Bild gesetzt, Digitales, aber noch völlig analog gemalt. Signiert von Sascha Wiederhold. Einer vom Theater, wie der Großvater. Die beiden müssen sich gut gekannt haben damals.

Aus dem Nachlass von Großvater Barber: Plakatentwurf zu „Meier Helmbrecht“ von Eugen Ortner, für das Stadttheater Tilsit, 1929/1930. 
Aus dem Nachlass von Großvater Barber: Plakatentwurf zu „Meier Helmbrecht“ von Eugen Ortner, für das Stadttheater Tilsit, 1929/1930. Sammlung Barber/SMB/Nationalgalerie

Georg Barber bringt die neun kaleidoskopischen Bühnenbilder zum Nationalgalerie-Kurator Dieter Scholz, dem Wiederentdecker des fast vergessenen Malers. Und der ist begeistert von dem neuen Puzzleteil aus dem Leben Wiederholds. Dieser war, wie Nachforschungen ergaben, 1929 Theater-Ausstattungsleiter in Tilsit, Ostpreußen. Nach einer Sowjetunion-Reise lebte er in der UdSSR. Bei Kriegsbeginn geriet er in Stalins Terrormaschinerie. Er schaffte es mit letzter Not nach Berlin zurück – wo die Nazis ihn zum „Entarteten“ erklärten. Danach tauchte Wiederhold ab, wurde Buchhändler am Sayignyplatz. Keiner seiner Kollegen oder Kunden wusste nach dem Krieg, dass er von einem der markanten Maler der 1920er-Jahre bedient wurde, dessen Bilder Phantome einer Zeit sind, in der für die Kunst alles möglich schien.

Gefunden in der Sammlung der Kunstbibliothek: Ernst Gränerts Aufnahme „Die Palucca-Schule Berlin hält Übungsstunden in der Berliner Kunstausstellung ‚Der Sturm‘ zu Berlin ab“ (im Hintergrund Sascha Wiederholds  „Jazz-Symphonie“), 1929. 
Gefunden in der Sammlung der Kunstbibliothek: Ernst Gränerts Aufnahme „Die Palucca-Schule Berlin hält Übungsstunden in der Berliner Kunstausstellung ‚Der Sturm‘ zu Berlin ab“ (im Hintergrund Sascha Wiederholds „Jazz-Symphonie“), 1929. Kunstbibliothek/ SMB/Ernst Gränert

Großmütig überlässt Georg Barber die Blätter der Nationalgalerie als Leihgabe. Am Montag liegen sie auf dem Tisch der Papierrestaurateure. Schon am Mittwoch ergänzen sie die bis zum 8. Januar 2023 laufende Wiederhold-Kabinettschau. Lange hat Scholz recherchiert, wer dieser Maler war. Die ersten Leihgaben für die Ausstellung bekam er aus der Schweizer Isaak Collection, dem Nachlass des Wiederhold-Sammlers und Holocaust-Überlebenden Carl Laszlo. In der Kunstbibliothek wurden kürzlich Aufnahmen des Fotografen Ernst Gränert von 1929 gefunden. Da tanzen vor Wiederholds „Jazz-Symphonie“ an der Wand der legendären Sturm-Galerie Herwarth Waldens die Ballett-Schülerinnen Gret Paluccas einen expressiven Ausdruckstanz.