Kunstausstellung Tender Hooks: Alternative Lebenswelten

In der Kommunalen Galerie Berlin stellen gerade 15 bildende Künstlerinnen ihre Werke aus. Sie werden gefördert durch das Goldrausch Künstlerinnenprojekt.

„Tender Hooks – Goldrausch 2022“ 
„Tender Hooks – Goldrausch 2022“ VG Bild-Kunst, Bonn 2022/Ipek Burçak

Auf zwei Etagen der Kommunalen Galerie in Wilmersdorf verteilen sich die Exponate der Künstlerinnen. Die Ausstellung steht unter dem Namen „Tender Hooks“ (zarte Haken) – ein Titel, der widersprüchlich wirkt. Unkonventionell sind die Arbeiten, die hier zu sehen sind. „Unvereinbare Begriffe sind etwas, über das auch vor der Ausstellung im Kurs viel gesprochen wird“, so Hannah Kruse, die Leiterin des Goldrausch Künstlerinnenprojekts. Dieses fördert junge Künstlerinnen bei ihrem Berufseinstieg. 

Transzendentales Spielen mit Möglichkeiten

Die Exponate brechen künstlerische Genres auf und stellen die Beziehung von Mensch, Technik und Natur infrage. Könnte nach der Industrialisierung auch eine Reindustrialisierung kommen? Wie dinghaft sind Wesen, wie wesenhaft sind Dinge? Wie konstruieren wir unsere Realität aktuell und wie könnten wir sie vielleicht in Zukunft konstruieren? Reflektiert werden unter dieser Frage zum Beispiel unsere Geschichtsschreibung, Erinnerungskulturen und die Identitäten diasporischer Communitys. 

So will die Ausstellung Potenziale alternativer Entwürfe des menschlichen Zusammenlebens erkunden: Es geht um queere Utopien, Transhumanismus und Neurodiversität. Genutzt werden dazu Skulpturen, experimentelle Fotografie, plastische Installationen, Kurzfilme und Malerei. 

„I am finding joy in toxicity – ich finde Freude in Giftigkeit“

Die Künstlerin Ipek Burçak stellt mit ihrem plastischen Exponat ein postapokalyptisches Szenario vor. Die Welt hat sich zu Lava verwandelt. Kleine elektronische Anzeigetafeln lassen zwischendurch Botschaften aufblitzen, wie zum Beispiel „I am finding joy in toxicity“. Die Botschaft soll unsere Wirtschaftsordnung kritisieren: Der Mensch sei sich der zerstörerischen Kraft des Kapitalismus längst bewusst, stelle sich jedoch nicht gegen ihn, sondern versuche, in ihm aufzugehen. 

Ein postapokalyptisches Modell: Vorne links ist die Installation Burçaks zu sehen, im Hintergrund die Arbeit von Sarah Godfrey, in der Mitte die Arbeit von Miji Ih.
Ein postapokalyptisches Modell: Vorne links ist die Installation Burçaks zu sehen, im Hintergrund die Arbeit von Sarah Godfrey, in der Mitte die Arbeit von Miji Ih.Sebastian Eggler

Miji Ih stellt in ihrem Projekt eine asiatische Diaspora vor. Dabei beleuchtet die Künstlerin die schwierige wirtschaftliche Situation vieler asiatischer Menschen, die sich ein Leben in Deutschland aufbauen wollen: Strikte Aufenthalts- und Arbeitsbeschränkungen machten es vielen schwer, hier Fuß zu fassen. 

Mit gefundenen Dingen arbeitet Katharina Reich. Sie will zeigen: Die Bedeutung eines Gegenstandes hängt immer von seinem Umfeld ab – jedem Ding kann eine neue Bedeutung gegeben werden. So sind manche Menschen erleichtert, wenn sie etwas loswerden können, und für andere ist diese Sache dann wieder von Nutzen. 

Gefundene Dinge, aus denen Katharina Reich eine Plastik zusammengesetzt hat. An der Wand: Arbeiten von Anna Roberta Vattes.
Gefundene Dinge, aus denen Katharina Reich eine Plastik zusammengesetzt hat. An der Wand: Arbeiten von Anna Roberta Vattes., Sebastian Eggler

Das Goldrausch Künstlerinnenprojekt

Unterstützt werden die Künstlerinnen aktuell vom Goldrausch Künstlerinnenprojekt. Das ist kein Geldstipendium, sondern ein Professionalisierungsprogramm. Gefördert wird es durch den Europäischen Sozialfonds und die Berliner Senatsverwaltung. In diesem Jahr gab es laut Kruse 230 Bewerberinnen. Eine wechselnde Fachjury aus Museumsdirektorinnen, Kunstkritikerinnen und weiteren wählt daraus jährlich 15 Frauen aus, die gefördert werden sollen.

Während der einjährigen Förderung gibt es zweimal wöchentlich einen Professionalisierungskurs. Dabei erstellen die Künstlerinnen gemeinsam mit Grafikern zum Beispiel ihre Website und einen Katalog. Im Anschluss findet eine Ausstellung in wechselnden Galerien statt. Außerdem lernt man Vertreterinnen und Vertreter der Berliner Kunstszene kennen und bekommt kreative Inspirationen.

Das Programm gibt es seit 1989, über 470 Teilnehmerinnen gab es bisher. „Wir haben viele erfolgreiche Alumnis, die unterdessen zum Beispiel selbst Professorinnen sind“, sagt Kruse. Die Kunstwissenschaftlerin sieht das Programm als Möglichkeit zur „Existenzgründung für Frauen“. Obwohl an den Berliner Kunstunis überwiegend Frauen Abschlüsse machten – in Weißensee seien es 69 und an der UdK 60 Prozent –, würden sie beim Berufseinstieg immer noch 33 Prozent weniger verdienen als männliche Kollegen.

Frauen verdienen immer noch 33 Prozent weniger beim Berufseinstieg in der bildenden Kunst.

Hannah Kruse, Projektleiterin des Goldrausch Künstlerinnenprojekts

Auch werden die Kunstwerke von Frauen tendenziell billiger verkauft als die von Männern, sagt Kruse. In der Gleichstellung von Künstlerinnen müsse dringend aufgeholt werden.

Bis zum 30. Oktober sind die Exponate der Künstlerinnen in der Kommunalen Galerie, Hohenzollerndamm 176, ausgestellt. Mittwochs von 17.30 Uhr bis 19 Uhr finden die „Tender Encouters“ statt: Hier kann man mit den Künstlerinnen in den Austausch kommen.