Noch ist es kein behördlich genehmigter und offizieller, sondern ein kühner Guerilla-Akt. Wohlgemerkt ein sehr friedlicher, fröhlicher, kreativer, mit manifesten Reden, ironischen Performances, durchaus mit Agit-Prop-Flair und dem Wir-Gefühl: Dieser Teil des einstigen Flughafens Tempelhof gehört nunmehr symbolisch der oft unterprivilegierten Berliner Künstlerschaft und all den Kreativen und Initiativen für Geflüchtete aus der Ukraine, die einen festen Ort und Teilhabe fordern, weil sie sonst nicht wissen, wo sie arbeiten, ausstellen, also  wirken und sich verwirklichen könnten.

„40 000 Künstlerinnen und Künstler leben und arbeiten in Berlin“, sagt eine Rednerin ins Mikrofon  vor dem Hangar 2. „Aber Kunst braucht Raum“. Und das ruft nicht bloß die Freie Szene, das ruft auch der gut organisierte Berufsverband Bildender Künstler*innen (BBK). Das frisch formierte Transformationsbündnis THF will es jetzt wissen: „Schluss mit den Kungeleien der Tempelhof Projekte GmbH!“, so war es mehrfach am Montagabend vor dem Eingang zur sogenannten Kunsthalle Berlin zu hören. Bisher war die Halle vom Kulturmanager Walter Smerling und seiner privaten Bonner Stiftung für Kunst und Kultur von besagter - senatseigener – GmbH gemietet worden. Und man hatte sich dreist diesen Namen angemaßt.

Eine Frechheit, denn 1991 haben Berlins schon damals große Kunstszenen in beiden Teilen der Stadt ihre Kunsthalle in der Budapester Straße durch eine dumme politische Entscheidung der damaligen CDU-Landesregierung ersatzlos eingebüßt. Seither ist der Begriff Kunsthalle Berlin ein ziemliches Reizthema.

Marcus Ebener
Bunt, fröhlich, frech ist der Empfang der Initiatoren für die Berliner Presseleute

Seit  Jahresbeginn war der Protest der Berliner Künstlerschaft, die seit Jahren eine Kunsthalle explizit für das Berliner Kunstschaffen fordert, immer mehr hochgekocht (die Berliner Zeitung berichtete mehrfach). Die Empörung wuchs, weil Smerlings Ausstellungsprogramm keineswegs der von Ateliernot, beschränkten Ausstellungs-Chancen und prekären Einkommen geplagten Kreativszene diente, sondern seiner von einer gut geölten PR-Maschinerie beworbenen Event-Kunst-Schau. Das Fass der Wut zum Überlaufen brachte die Tatsache, dass  Smerling und seine Bonner Stiftung zudem von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung für  die 8000 Quadratmeter Ausstellungsfläche auch noch die Hälfte der hohen monatlichen Mietkosten (also 50 000 von insgesamt 100 000 Euro) erlassen bekamen. Dies war ein Hinterzimmer-Deal, den der vormalige Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) noch eingefädelt hatte, bevor er in die Bundespolitik entwich.

Sponsoring durch  windige Immobilienunternehmen

Bald wurde die Causa  der intransparenten Vergabe der Hangars 2/3  auch Thema im Berliner Abgeordnetenhaus. Unter Druck geraten, wollte Walter Smerling zuletzt mit dem Versprechen punkten, für die Dauer der Mietzeit von zwei Jahren keine Blockbuster-Ausstellungen seiner Wahl mehr zu machen, sondern Berliner Kunst zu zeigen. Aber das kam nicht gut an, seit bekannt geworden war, der Impresario werde für seine Ausstellungen von dubiosen Immobilienunternehmern gesponsert und sogar von Putin unterstützt.

Nun haben die Bonner Kunststiftung und auch die Landespolitik offensichtlich erkannt, dass das Unterfangen unter diesen Umständen glücklos bleiben wird  - und endlich reagiert: Der Mietvertrag mit der Bonner Privatstiftung endet vorzeitig zum 31. Mai. Doch zu einem neuen, der „Kunsthalle für Alle“ zugutekommenden Mietvertrag ist es auch noch nicht gekommen.

dpa/Jens Kalaene
Letzter Tag: Skulpturen des französischen Bildhauers Bernar Venet in Hangar 2/3. Die riesige Schau  hatte Walter Smerling für seine Bonner Stiftung  kuratiert unter dem Label „Kunsthalle Berlin“. Damit  begann der Protest, gegen die Arbeiten des Franzosen hatten die Berliner Künstler nichts, aber gegen das intransparente Verfahren des Senats .

Dafür setzt sich das Transformationsbündnis vehement ein, auch wenn etwa der Senat für Stadtentwicklung den Antrag des BBK nach Akteneinsicht  in Nutzungsvertrag zwischen der Bonner Stiftung und der Tempelhof Projekte GmbH ablehnte und die Senatskulturverwaltung bislang noch schweigt. Von beiden Instanzen war am Montagabend niemand anwesend, wohl auch nicht eingeladen. Umso mehr hatte sich die Künstlerschaft versammelt, ganz prominente zumal. Bildhauerin und Konzeptkünstlerin Hito Steyerl, die im Ranking der Weltrangliste ganz vorn steht, war eine der Wortführerinnen des Protestes  gegen Smerlings „Kunsthalle“ und verurteilte den faulen Deal. Montagabend verlangte sie, die Tempelhof-Hangars müssten „nach transparenten Kriterien an die Zivilgesellschaft übergeben werden, nicht an private Kreise. Es brauche ethische Grundsätze  bei der Vergabe.“

In einem  dadaistischen Auftritt wurde schon mal ein riesiger goldener Schlüssel aus Pappmaché übergeben. BBK-Sprecherin Zoe Claire Miller hat sich als Walter Smerling kostümiert und überreichte den Fake-Schlüssel den Vertreterinnen des Transformationsbündnisses THF und damit symbolisch an Berlins Künstlerschaft. Und in der Informationsmappe zu diesem ersten Auftritt vor der Presse liegt ein Blatt mit den Namen von inzwischen bereits 16 potenziellen Sponsoren und Unterstützern des mutigen Projekts „Halle für Alle“. Es heißt, auch im Abgeordnetenhaus  und im Kultursenat gibt es Sympathie.

Graswurzeldemokratie-Atmosphäre: Vielstimmig ertönten ins Mikrofon und  in zig Gesprächen der versammelten Kunstszenen Berlins die Hoffnungen, die Landespolitik möge das Potenzial erkennen und das Projekt „Kunsthalle für Alle“ auch mit aller Kraft, und endlich politischem Willen fördern. Auch finanziell. Was schließlich bedeuten würde: Berlin hätte 32 Jahre nach der Wiedervereinigung seine verlorene Kunsthalle zurück.