Amtsträger im Görlitzer Rathaus fürchten um die Harmonie am Grenzfluss Neiße, ums Image einer Stadt, die nach der Wende, bis 2016, Jahr für Jahr von einem geheimnisvollen Spender dankbar die „Altstadtmillion“ erhielt. Und sie fühlen sich getäuscht. Ein von der Kommune in Auftrag gegebenes Kunstwerk für den öffentlichen Raum hat für sie nun einen politischen Pferdefuß. Es sei ein Affront gegen die polnischen Nachbarn in Zgorzelec auf der anderen Seite der Neiße. Dass in Polen das Abtreibungsgesetz verschärft wurde, sei Sache der Polen. Die Installation muss sein, wie sie bestellt war. Oder sie muss weg!

„Ein eigentümliches Verständnis von Kunstfreiheit“

Betroffen ist Lisa Maria Baier von der Dresdner Kunsthochschule. Ihre Wettbewerbs-Sieger-Arbeit besteht aus einer Bühne, die Görlitz als Kulisse für historische Filme, auch für Hollywood, darstellt. Nur ergänzte sie – freilich ohne vorher ihre Auftraggeber zu verständigen – die Installation um Statements gegen besagtes Abtreibungsgesetz. Auf den Bändern liest man etwa „My Body My Choice“ oder „Frauenrechte“. Das Werk hat seine Harmlosigkeit verloren.

Baier und Mitstudenten schrieben an den Görlitzer Kulturbürgermeister Michael Wieler, verweisen auf die Solidarisierung mit den gravierend beschnittenen Frauenrechten im europäischen Nachbarland, bestehen auf der im Grundgesetz verankerten Kunstfreiheit. Seine Antwort: Die Jury habe ein konkretes Werk ausgewählt, aber nicht wie vereinbart erhalten. Das sei „ein eigentümliches Verständnis von Kunstfreiheit“. Die Installation in ihrer jetzigen Form könne in einer privaten Galerie gezeigt werden, nicht aber im öffentlichen Raum. Dabei versichert er, Frauenrechte seien auch ihm ein Anliegen, mit Görlitz aber habe das nichts zu tun. Sogar das Verwaltungsgericht wurde bemüht, der Richterspruch erging: Verändern oder weg! Das Ultimatum lief letzte Nacht aus.