Es war ein stilles, aber eindringliches Art-Week-Spektakel. Lichtkünstler Mischa Kuball markiert seit Herbstbeginn die evangelischen Kunstkirche St. Matthäus überm Portal mit seiner Arbeit „(un)finished“. Die Botschaft ist zu lesen, sobald es dunkel wird. Gemeint ist das Kulturforum. Sprich, die wechselhafte politische Historie des alten Tiergartenviertels (von Hitler und Speer geplant als Platz für Germania), dazu die Nachkriegsgeschichte: die Museen ringsum, die Philharmonie, die Staatsbibliothek, nicht zuletzt die alte, von Schinkel-Schüler August Stüler erbaute St. Matthäus-Kirche. Diese ist nicht nur Gotteshaus, sondern längst einer der angesagtesten Orte für Gegenwartskunst. Aktiv bringt die Stiftung St. Matthäus sich ein in die Erforschung der Geschichte des Areals und in Überlegungen, wie dessen starres steinernes Erscheinungsbild mit mehr Leben für die Stadtgesellschaft erfüllt werden könne.

„(Un)finished“ bedeutet „unvollendet“. Von der stadtplanerischen „Vollendung“ des architektonisch ungeliebten Kulturforums  ist ja in der Kulturpolitik dauernd die Rede, doch jedes Bauvorhaben steht heftig in der Kritik. So wie derzeit das künftige Museum des 20. Jahrhunderts, die „Scheune“. Der Düsseldorfer Lichtkünstler brachte die Leuchtschrift an als Mahnung, „endgültigen Lösungen“ besser zu misstrauen.

Die Denkmalschutzbehörde Mitte ordnete im November unter Strafandrohung an, die Stiftung St. Matthäus müsse den Leuchtröhren-Schriftzug sofort vom Turm entfernen. Der Grund? Denkmalschutz-Störung! Die Stiftung legte Widerspruch ein. Denn es handele sich ja um eine überaus paradoxe Anordnung. Die bis 2. Januar geplante Installation sei Teil des öffentlich geförderten Projekts „Utopie Kulturforum“, um auf den Wert des Areals für die Stadtgesellschaft hinzuweisen. Seit Montag besagt ein Eilbeschluss des Verwaltungsgerichts Berlin: Die Leuchtschrift darf bleiben. Laut 19. Kammer des Gerichts seien die Voraussetzungen für die Anordnung der Denkmalbehörde nicht gegeben. Ziel des öffentlich geförderten und zudem befristeten Kunstprojekts sei es nämlich, die bauliche Entwicklung in der Umgebung des Denkmals kritisch zu hinterfragen. Dadurch werde der Denkmalwert der Kirche nicht gemindert, vielmehr hervorgehoben. Ein weiser Beschluss!