Wo die Geschichten der Zeichner-Performerin Lou Hoyer anfangen und wo sie aufhören, bleibt rätselhaft. Die Ausstellung der 1985 geborenen Berlinerin im Kunstraum Potsdam gleicht einer Bühne, auf der sich das ganze Welttheater aus Liebe, Triebe, Hassen, Hoffen, das menschliche Streben und Irren abspielt. Und es geistern Ritter, Tod und Teufel, die biblischen apokalyptischen Reiter, die einst schon Dürer in Holztafeln schnitt, als Textfragmente durchs Werk der Wahl-Potsdamerin, die Meisterschülerin von Valérie Favre an der UdK war.

Kunstraum Potsdam/Uwe Walter, Berlin
Lou Hoyer: „apocalyptic rider“, 2020, Tusche und Pastell auf Papier

Große Tusche-Zeichnungen überziehen die Wände, Szenen einer düster-surrealen Atmosphäre. Aus den dunklen Bildräumen treten einem Figuren durch leuchtende Konturen oder Bildflächen entgegen. Alles scheint energetisch, orgiastisch und zugleich dramatisch-gefährlich miteinander zu verwachsen: Vorhänge, Schleier, Faltenwürfe, Körperdetails, Herzen, Vaginas, Penisse. Hoyers Perspektive ist immer die einer nackten Power- Frau, die selbstbestimmt über ihren Körper verfügt, ohne Scham und im vollen Bewusstsein ihrer irdischen Schönheit. Sexualität ist bei Lou Hoyer eine universelle Auseinandersetzung mit Körperlichkeit, mit tradierten Vorstellungen von Körper und Geschlecht und mit der zumeist männlichen Deutungshoheit des Normativen.

Kunstraum Potsdam/Uwe Walter, Berlin
Lou Hoyer: „antikörper“, Tusche und Gouache auf Papier

Es sind aber nicht die grausamen Gestalten aus der Dürer’schen Apokalypse, sondern aus der Moderne: zwei Piloten im Cockpit, die sich an einer Frau zu schaffen machen. Der Flieger steuert offenbar in die Katstrophe. Die krasse Szene ist „nur“ ein Gleichnis für Macho-Männer – und ihr gestörtes Verhältnis zur Emanzipation. Die gezeichnete Szene ist Teil von Hoyers Oper „Der gerechte Winkel“, uraufgeführt in der Potsdamer Schau. Hauptfigur ist die Surrealistin, Anagramm-Dichterin und Zeichnerin Unica Zürn, die tragisch im Suizid geendete Geliebte des Surrealisten Hans Bellmer. Wie Zürn bewegt sich auch Hoyer zwischen Zeichnung und Text, betreibt das Sezieren von Versen in  einzelnen Buchstaben, aus denen sie neue Verse bildet. Das Ganze fügte sie in eine Partitur, indem sie jedem Buchstaben einen bestimmten Ton zuordnet. Die Handlung der Oper wie der zugehörigen Zeichnungen beginnt im Flugzeug – daher besagte sexuelle Übergriffs-Szene im Cockpit – und führt in ein Hospital, wo die Hauptfigur in Hypnose versetzt und operiert wird, damit sie wieder „in die Welt passt“. Bei etlichen Zeichnungen ziehen sich Bild-Text-Fetzen zum Hohelied der Liebe übers Papier.

Kunstraum Potsdam/c/o Waschhaus, Schiffbauergasse 4d. Infos 0331 730 41652. Bis 20. Juni Mi.–So. 13–18 Uhr, Kurator: Mike Gessner/Katalog im MMKKoehn Verlag.