Kartoffelbrei-Attacke im Museum Barberini: Luisa Neubauer, sagen Sie etwas dazu!

Ein Museum ist kein Kampfplatz: Aber wieder wurde Weltkulturerbe von der Letzten Generation attackiert. Diesmal im Potsdamer Museum Barberini. 

Barberini-Gründer und Impressionismus-Sammler Hasso Plattner mit seiner Museumsdirektorin Ortrud Westheider vor einem Monet-Gemälde
Barberini-Gründer und Impressionismus-Sammler Hasso Plattner mit seiner Museumsdirektorin Ortrud Westheider vor einem Monet-Gemäldedpa/Soeren Stache

Kinder, Kinder! Sie haben es erneut getan! Dem rituellen Muster „Kunst oder Leben?“ folgend, aber wider besseren Wissens, dass dies die völlig falsche Adresse ist. Ein Museum ist kein Kampfplatz. Ein Museum ist ein Museum ist ein Museum, um es mit dem Rosen-Zitat der berühmten (Picasso-)Sammlerin Gertrude Stein zu sagen.

Abermals musste ein berühmtes Werk der Kunstgeschichte herhalten für den stichflammenartig medienerregenden Protest junger Klimaaktivisten gegen die anzuprangernde Klimakrisen-Ignoranz der Politiker und selbstredend gegen uns – die ältere, spießige, egoistische Wohlstandsbürgergesellschaft, die ja auf nichts verzichten will, die schon alles aufgebraucht und den Jungen ihre Zukunft genommen hat.

Da wurde noch auf Spritz- und Schmier-Attacken verzichtet: Aktivisten der Letzten Generation am 23. August 2022, festgeklebt an Raffaels Renaissance-Ikone „Sixtinische Madonna“ in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister. 
Da wurde noch auf Spritz- und Schmier-Attacken verzichtet: Aktivisten der Letzten Generation am 23. August 2022, festgeklebt an Raffaels Renaissance-Ikone „Sixtinische Madonna“ in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister. Letze Generation

Diesmal war es, neben dem obligatorischen Kleber, keine weiße Pampe, auch keine Tomatensuppe, die über ein ikonisches Kunstwerk gekippt wurde. Die junge Frau und der junge Mann, die sich am Sonntagnachmittag im Impressionisten-Saal des Potsdamer Museums Barberini über Claude Monets Meisterwerk „Getreideschober“ von 1890 hermachten – von Museumsgründer Hasso Plattner 2019 auf einer New Yorker Auktion für knapp 111 Millionen Euro für das Haus gekauft –, wählten Kartoffelbrei. Sie fanden das wegen der Klimakrise in so vielen Erdteilen mit hungernder Bevölkerung total passend: Getreideschober versus Kartoffelbrei. Naturliebhaber Monet – also rauf mit dem Stampf auf seine Naturverklärung im impressionistischen Lichtzauber.

Ich sah das Video mehrmals an. Es ging ja Sonntag „viral“ über alle Kanäle, generierte viel Aufmerksamkeit und Empörung. Zudem die Reaktion der Museen, ihre Schätze nunmehr viel schärfer zu bewachen. Das Video zeigte zwei aggressive Menschenkinder. Die bösen Mienen, insbesondere die der jungen Frau, ließen freilich offen, ob es nur um Theaterdonner ging oder um echte ungezügelte oder gar verzweifelte Wut. Ich fragte mich verwundert, wieso der Museumswärter so lange zögerte und immer wieder scheu, irritiert, jedoch passiv um die Ecke guckte und zugleich andere Museumsbesucher ungerührt an der Szenerie vorbeigingen. So, als wären die Kunst-Attentäter eine Geistererscheinung. Hielten die Leute das Ganze gar für eine Kunstperformance?

Inzwischen ist im Barberini zu erfahren, dass der Monet keinen Schaden nahm. Glück gehabt? Nicht ausdenkbar, hätte es die unverglasten Inkunabeln der eben eröffneten Surrealisten-Schau mit Werken aus aller Welt eine Etage höher getroffen. Welcher Leihgeber dürfte künftig noch seine Schätze hergeben, wenn das nicht aufhört? Museumsdirektorin Ortrud Westheider sagte am Montag: „Bei allem Verständnis für das drängende Anliegen der Aktivisten angesichts der Klimakatastrophe bin ich erschüttert über die Mittel, mit denen sie ihren Forderungen Nachdruck verleihen. Gerade in den Werken der Impressionisten sehen wir doch die intensive künstlerische Auseinandersetzung mit der Natur.“

Die Konsequenz ihres Hauses ist nun eine Schließung wegen des Vorfalls bis zum 30.Oktober. Hintergrund ist der Wunsch des Museumsstifters Hasso Plattner, die Situation mit nationalen und internationalen Museumspartnern und leihgebenden Institutionen zu analysieren und die durch die jüngsten Angriffe  offen gelegten Risiken zu diskutieren. In Anbetracht wiederholter Übergriffe in deutschen  und  europäischen Museen sollen die Anforderungen für eine langfristige und nachhaltige Bewahrung der Kunst im internationalen Museumsbetrieb neu evaluiert und vor Ort angepasst werden.

Der falsche Pinkelbaum

Schon Ende August, nach den Vorfällen in Paris, Dresden, Frankfurt, Florenz, London und der Attacke in der Berliner Gemäldegalerie auf ein (verglastes) Cranach-Bild, war klar, dass die Bewegung Letzte Generation mit ihren Museumsaktionen den falschen Baum anpinkelt. „Warum“, so fragten wir in der Berliner Zeitung, „zieht ihr mit eurer Wut nicht vor die verantwortlichen politischen und wirtschaftlichen Stellen, vor die umweltverschmutzenden Großkonzerne, gegen die Autoindustrie, die weiterhin tonnenschwere spritfressende Verbrenner baut, die mit 300 die Autobahnen unsicher machen dürfen, gegen die Massentierhalter und Großschlächtereien, die Discounter, die abends Lebensmittel in den Müll kippen, statt sie zuvor zu verbilligen oder zu verschenken; die nicht daran denken, ihre Waren ohne die fatalen Plastikverpackungen anzubieten, welche dann die Weltmeere vergiften?“

Ist die Wut echt oder gespielt? „Hauptsache Action!“ Kartoffelbrei-Sauerei auf Monets „Getreideschober“ von 1890, einem Schatz der Impressionismus-Sammlung des Potsdamer Museums Barberini, so geschehen am vergangenen Sonntagnachmittag, den 23.Oktober.
Ist die Wut echt oder gespielt? „Hauptsache Action!“ Kartoffelbrei-Sauerei auf Monets „Getreideschober“ von 1890, einem Schatz der Impressionismus-Sammlung des Potsdamer Museums Barberini, so geschehen am vergangenen Sonntagnachmittag, den 23.Oktober.Letzte Generation

Mittlerweile wird der infantile ideologische Aktionismus immer aggressiver. Die Bevölkerung reagiert genervt und aufgebracht. Sogar die Öko-Omis haben kein Verständnis mehr für die erschreckenden Angriffe auf Kunst mit Unesco-Siegel. Auch am Sonntag wurden die Aktionisten zwar festgenommen, dann aber wieder freigelassen. Es läuft seit Monaten nach Schema F ab: „Hauptsache Action!“ Für Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) ist das „Kulturbarbarei und keine politische Meinungsäußerung“. Ganz anders NDR-Rundfunkrätin und Grünen-Politikerin Jessica Kordouni. Sie behauptet schrill: „Monet und Van Gogh hätten diesen Protest gemocht. Es geht immerhin um die Schönheit dieser Welt, die sie gemalt haben und die gerettet werden muss.“ Außerdem sagt sie, dass Kartoffelbrei und Tomatensuppe absolute Kunst seien, weil „sie Absurditäten aufdecken“.

Gern wüsste ich, was unsere oberste Umweltaktivistin Luisa Neubauer dazu meint. Aber sie war auch nach mehrmaligen Versuchen nicht erreichbar. Ich hätte ihr gerne gesagt, dass auch Angriffe auf Kunst Verbrechen sind. „Wenn Du etwas Schönes bewahren willst, warum verletzt / zerstörst Du etwas Schönes? Wem wird geholfen? Die Kausalität will mir nicht in den Kopf.“ Das postete am Montag der Pianist Igor Levit. Danke, Meister! Besser kann man es nicht sagen.