Das Extreme ist Pflicht für den Maler, Zeichner und Video-Performer Marc Brandenburg, geboren 1965 in Berlin. Der Künstlername (der so auch längst im Personalausweis steht), ist natürlich ironisch gemeint. Als Liebesgruß an Fontane und als Bekenntnis zu einer Landschaft, der er sich als Sohn einer Deutschen und eines in West-Berlin stationierten afroamerikanischen US-Soldaten, zugehörig fühlt. Zwar lebte er als Kind, von 1968 bis 1977 in Übersee, der Heimat seines Vaters. Aber hier, in Berlin-Brandenburg, ist sein Zuhause. Immer mal wieder mit langen Abstechern nach Barcelona.

Brandenburgs Kunst ist unübersehbar dem Nachtleben großer Städte wie Berlin, London, Barcelona entsprungen und tief in universalisierendes Schwarzlicht getaucht. In der großen Ausstellungshalle des Palais Populaire entfalten die Szenen des einstigen Punk, Club-Berghain-Gängers und Berghain-Malers einen Bildersturm, der einem schier das Hirn überflutet. So wirkt die von seiner Hand geschaffene riesige Siebdruckinstallation auf Glas in der seit Ausbruch der Corona-Pandemie einsamen Bar.

Marc Brandenburg/Palais Populaire/Mathias Schormann
Verwirbelte Nachtgestalten im Schwarzlicht-Saal mit dem „Hirnsturm II“

Körperlichkeit, Tempo, Exzess bestimmen die dicht gehängten und so zu einem Raumerlebnis verschmelzenden Bildflächen. Malerei und Zeichnung gehen förmlich ineinander über. Die ins Negativ verkehrten Bleistiftzeichnungen halten alltägliche, flüchtige, auch beiläufige Motive fest. Und immer wieder diese Nacht und ihre Gestalten: Clubszenen, Szenen im Park, in der schwulen und linken Subkultur, Freunde, kostümierte Demonstrationszüge, Fußballfans, Obdachlosen-Schlafplätze, fliegende Matratzen, Polizei, Müll, Graffiti, Treppenaufgänge, Sexszenen, Fetische. Der Künstler wird zum menschlichen Kopierer sozialer Situationen und Zustände des Prekären, Gefährdeten, Traumatisierten. Er fotografiert und zeichnet die Formate ohne Hilfsmittel mit dem Bleistift detailgetreu ab. Das nennt er dann „Bändigung der Bilderflut“. Und er bearbeitet die fotografischen Vorlagen auch am Computer, zieht blauschwarze Schlieren über Gegenstände und Figuren, fast bis zur Unkenntlichkeit, mit dem Ziel der karnevalesken Deformation. Das verursacht diesen „Hirnsturm“, ja, auch Wut. Brandenburg zeigt einen totalitären, manieristisch verzerrten, vulgären Kapitalismus.

Marc Brandenburgs verwirbelte Erinnerung

Bereits in seinen frühen Ausstellungen kombinierte er solche Momentaufnahmen mit abgezeichneten Motiven aus Pornoheften, Modemagazinen, aus der Werbung, von Verpackungen und Plastikspielzeug. Fremde Fotos, eigene, die Arbeit mit Stift und Pinsel kehrt er in die Negativform: So wird Dunkles hell und Helles dunkel, wirkt streng wie geformter Stahl, egal ob Pflanze, Baum, Blatt oder menschliche Haut. Er verbindet das alles zu filmartigen Sequenzen, verzerrt, zoomt, setzt abrupte Kameraschwenks ein und nicht selten Selbstporträts mit bizarren Maskierungen, in denen wir sein Künstler-Dasein im Bezug zur Popkultur, zu seinen schwarzen Wurzeln und seiner queeren Person und Lebensweise lesen können. Vieles ist verwirbelte Erinnerung, erzählt von kollektiver Trance, wirkt wie wilde Reminiszenz an die Zeit, als Punk und New Wave florierten, die Jungen Wilden der Malerei den bürgerlichen Kunstbetrieb aufmischten.

Es war die Zeit von Kippenberger und Christiane F., mit der Marc Brandenburg eine Zeit lang in einer WG gelebt hat. Und er war Türsteher in der West-Berliner Diskothek Dschungel von 1983 bis 1988. In dieser Zeit war er als autodidaktischer Modedesigner tätig, als er auch mit Claudia Skoda und Tabea Blumenschein zusammenarbeitete. 1988 trat er als Performer mit Die Tödliche Doris sogar in Ost-Berlin auf. Mode blieb auch später Bestandteil seiner Kunst. So zeigte er 1993 als Reaktion auf die fremdenfeindlichen Ausschreitungen 1992 in Rostock-Lichtenhagen im Berliner Künstlerhaus Bethanien die Serie „Tarnpullover für Ausländer“.

Marc Brandenburg/PalaisPopulaire
Videostill aus Marc Brandenburgs „Camouflage Pullover“

Im letzten Abschnitt der Schau und außerhalb des Schwarzlichts ist auf drei Videoleinwänden die Neuauflage der „Tarnpullover“ aufgebaut als „Camouflage-Pullover“ in Short-Cut-Filmen neu in Szene gesetzt als irritierendes Identitätsspiel: Da laufen Männer und eine Frau in All-Over-Kleidung durch Berlin, Köpfe und Gesichter überzogen von dichtmaschig gestrickten Voll-Masken, mit angestrickten Ohren und Reißverschlüssen vor dem Mund. Wie die eindeutig dunkelhäutigen Delinquenten in diesen Wollhaut-Käfigen überhaupt atmen konnten, bleibt ein Geheimnis. Sie haben es für diese Performance von Marc Brandenburg einfach getan. Einmal sieht man kurz eine junge weiße Berliner Schauspielerin, wie sie sich die Maske überstülpt und zu einer schwarzhäutigen Frau wird, die dann mit ihren beiden Begleitern in den Straßen Berlins verwunderte, belustigte, erschrockene – und auch rassistische Reaktionen erntet.

Palais Populaire, Unter den Linden, 5. bis 23. August, Mi–Mo 11–18, Do 11–10 Uhr, Ausstellungseintritt frei, Zeitfensterbesuch: db-palaispopulaire.com