Mit Schnuller in Picassos Atelier: Maya war die Diplomatin des zerrissenen Maler-Clans

Dieser Tage starb Maya Widmaier-Picasso. Von allen vier Kindern des Jahrhundertmalers stand sie ihm am nächsten. Was machte sie so besonders?

2018 in Hongkong: Sotheby’s-Auktion von Picassos Gemälde „Maya mit dem Boot“.
2018 in Hongkong: Sotheby’s-Auktion von Picassos Gemälde „Maya mit dem Boot“.AFP/Gerry Penny

Der große Spanier Pablo Picasso ist nicht nur als Maler eine Legende. Er war auch ein Mann von sagenhafter Libido. Vier Kinder von drei Frauen tragen seinen Namen. Eines davon war Maya, Frucht einer mehrjährigen, heftigen, aber leidvoll geendeten Liebesbeziehung mit der um 28 Jahre jüngeren Marie-Thérèse Walter. Die schöne Spanierin war 17, als er sie verführte. Dem Baby gab er den Namen des rätselhaften, untergegangenen mexikanischen Volkes der Maya.

Diese Picasso-Tochter ist nun in Paris im Alter von 87 Jahren gestorben. Der patriarchalische Vater soll sie sehr geliebt haben, mehr als seine anderen Kinder, als Paolo, den er zigmal als Harlekin malte, der Älteste aus der Ehe mit der russischen Tänzerin Olga Khokhlova, und mehr als Claude und Paloma, die beiden Jüngsten, hervorgegangen aus seiner Liaison mit der Malerin Françoise Gilot. Sie war übrigens die einzige Frau von all den vielen abgelegten, die es 1953 schaffte, sich aus der Macht-Manie des Minotauro-Malers zu befreien, sich zu emanzipieren. Und den Weg freizumachen für Jacqueline Roque, Picassos zweite und letzte Ehefrau.

Picasso malte die kleine Maya 14-mal, so „Maya mit Puppe“, „Maya mit Boot“, „Maya im Matrosenanzug“. Keines ihrer drei Halbgeschwister hat so viel Zeit mit Picasso verbracht wie sie. Sie habe das Leben und Schaffen des Malers beleuchtet, schreibt das französische Kulturministerium in einem Nachruf. Zufällig ist die einzigartige Vater-Tochter-Beziehung derzeit Gegenstand einer Schau im Pariser Picasso-Museum, an dessen Entstehen und Ausstattung mit ererbten Bildern Maya großen Anteil hatte, dies im geschwisterlichen Einvernehmen mit dem ein Jahrzehnt später geborenen Halbbruder Claude und der Halbschwester Paloma.

Maya war es auch, die immer wieder die Verbindung knüpfte und die familiäre Balance hielt zu Picassos Erstgeborenem Paolo und dessen Nachkommen. Es war freilich ein hochkompliziertes Verhältnis, erst unter den Frauen, dann unter den Kindern. Maya war, wie ihr Halbbruder Claude Picasso sie vor Jahren einem Gespräch anlässlich der Berliner Nationalgalerie-Ausstellung „Picasso und die Kinder“ mit liebvollem Respekt bezeichnete, „eine Meisterin der Diplomatie“.

Maya Picasso als Ebenbild ihrer von Picasso verlassenen Mutter Marie-Thérèse Walter 1971 in Barcelona.
Maya Picasso als Ebenbild ihrer von Picasso verlassenen Mutter Marie-Thérèse Walter 1971 in Barcelona.Keystone

Vor knapp drei Monaten erst hatte Maya Widmaier-Picasso dem französischen Staat mehrere Werke aus ihrem Erbe des 1973 gestorbenen Vaters geschenkt, darunter auch „Kind mit Schnuller, das unter einem Stuhl sitzt“. Picasso hatte ihre Mutter Marie-Thérèse nicht zum Traualtar geführt, denn er war ja – wenn auch nur auf dem Papier – bis 1955 noch mit  Khokhlova verheiratet.

Marie-Thérèse inspirierte den Maler zur berühmten Vollard-Suite: eine Folge von 100 Radierungen, 1930 bis 1937 gezeichnet im neoklassischen Stil. Die leidenschaftliche, aber glücklose Beziehung endete, als Picasso 1936 die französische Fotografin Dora Maar traf, welche ihn wiederum zu seinen politischen Bildern anregte, so zu „Guernica“. Die verzweifelten Eifersuchtsszenen der verlassenen Marie-Thérèse wie der später ebenso betrogenen Dora fanden ihren markanten Niederschlag in dem großen Zyklus der „Weinenden Frauen“.

Maya Picasso 2004 in der Pariser Rue des Grands Augustins vor einer Installation mit Guernica-Motiv ihres Vaters.
Maya Picasso 2004 in der Pariser Rue des Grands Augustins vor einer Installation mit Guernica-Motiv ihres Vaters.dpa/Niviere

Längst ist es in der Kunst-Literatur durchgekaut: Picasso hatte eine komplizierte Beziehung zu Frauen; er verehrte sie entweder oder er benutzte sie als Musen, ohne Rücksicht auf deren eigene künstlerische Ambitionen. Für ihn war es obligatorisch, sexuelle Beziehungen zu mehreren Frauen gleichzeitig zu haben. Seine ausgeprägte Libido war wohl das Triebwerk seiner Kunst.

Doch Tochter Maya hat ihm alle Affären, Kapriolen, Gemeinheiten nachgesehen. Sein Ansehen und die Harmonie waren ihr heilig. Als Pablo Picasso am 8. April 1973 starb, stand Maya an seinem Totenbett. Witwe Jacqueline hatte stiefmütterlich dafür gesorgt, dass Mayas Halbgeschwister Paloma und Claude der Beerdigung fernblieben. Deren Mutter, Picassos Ex-Geliebte Françoise Gilot (unlängst feierte sie in Kalifornien ihren 101. Geburtstag ) hatte ihr schonungsloses Buch „Life with Picasso“ veröffentlicht. Das war Gotteslästerung gegen den Genius Picasso. Und dann begann ein langer, filmreifer Erbstreit des Clans. Tochter Maya, so heißt es, machte auch da die edelmütigste Figur.