Tanzen. Endlich wieder tanzen. Die schwingenden Röcke haben etwas Übermütiges. Zugleich ist da aber auch so etwas Verharrendes, mitten in der Drehung. Als würden die zwei sich abwendenden Tänzerinnen der eigenen Fröhlichkeit nicht trauen nach den endlosen Monaten der Pandemie.

Persis Eisenbeis, Malerin in Berlin, 2005/06 Studentin bei Daniel Richter an der Universität der Künste, setzte das Mädchen-Quartett in einer Fantasie-Tracht in einen Saal, dessen blau-weiße Streifenwand von dem französischen Streifen-Maler Daniel Buren gemalt sein könnte und dessen Markenzeichen es ist, vertikale Streifen als „visuelles Werkzeug“ zur Analyse der traditionellen Malerei einzusetzen. Das Dekor des Minimalisten, das Eisenbeis hier zitiert, dient ihr als Bezug zu den Kindfrauen-Figuren.

Wie in einem frühen Worpsweder Jugendstil-Gemälde

Die kühle Strenge des Hintergrunds wird aufgebrochen vom Schwung und Rhythmus der rot-braun-gelben Streifen-Bewegung, die dann im Verharren mündet. Das Motiv hat etwas Geheimnisvolles, Grenzübertretendes – zwischen Realem und Surrealem. Der „Tanz der Röcke“ entstand 2020, mitten im Lockdown, eine eigentlich zeitlose Szene aus Erinnerung an unbeschwerte Gemeinschaft, Nähe, Musik – und zugleich von beginnender Distanz in einer Zeit, die sich eingebrannt hat, vor allem ins Gedächtnis der Kinder und Jugendlichen. Sie haben Social Distance wohl am schwersten ertragen.

Dreißig Gemälde der gebürtigen Stuttgarterin, gemalt zwischen 2013 und 2021 sind in der Kreuzberger Galerie Tammen ausgebreitet. Der Galerist, der ein besonderes Auge für eigenwillige weibliche Kunst hat, entdeckte Eisenbeis’ virtuose Spielarten des Fantastischen, des Magisch-Realistischen für sein Ausstellungsprogramm. Da sieht man Reiterinnen im Birken-Wald. Eine Kulisse wie in einem frühen Worpsweder Jugendstil-Gemälde Heinrich Vogelers oder auf einem Bild der russischen Impressionisten, wie wir sie letztes Jahr für kurze Zeit im Potsdamer Barberini sehen konnten. Die weißen Stämme der Bäume sowie das weiße Fell des Pferdes kontrastieren das knallrote Dress und den Streifenpullover der Reiterin. Eisenbeis lädt die Szene zu einem Märchen auf, etwas leicht Beklemmendes, Unaussprechliches liegt in der Luft – oder besser: in der Farbe.

Persis Eisenbeis belehrt nicht

Das gilt ebenso für die Kinder-Porträts: Mädchen allein an Tischen, in Sesseln vor Dekor-Tapetenwänden, lesend, vor sich hin träumend, ins Leere guckend. Eins sitzt vor dem Teller Suppe, auf der Tischplatte krabbelt ihre Schildkröte, einzige Gefährtin in der Einsamkeit, in der wie still gestellten Zeit ohne Freundinnen, Schule, Spiel und Sport.

Galerie Tammen
Persis Eisenbeis: „Wildgänse“, 2019, Öl auf Nessel

Manchmal tendiert Persis Eisenbeis’ feinmalerische Stilistik aber ins Absurde. Ein junges Mädchen steht etwa – unpassend, weil städtisch gekleidet und in dünnen Ballerina-Schuhen – auf einem sumpfigen Acker, völlig erschrocken, ängstlich, denn ein ganzer Zug Wildgänse fliegt und flattert über ihrem Kopf hinweg. Die Assoziation zu Hitchcocks Kult-Thriller „Die Vögel“ liegt natürlich nahe und gewiss spielt die Malerin ein wenig mit diesem Bezug. Doch ihr geht es wohl vor allem darum, welches Verhältnis viele Großstadtkinder wohl zur Natur, zum Land, zu Feldern und den darauf lebenden nicht domestizierten Tieren haben.

Die Malerin belehrt oder ermahnt nicht, sie spinnt lieber ein subtiles, manchmal auch beklemmendes Bezugsnetz zwischen vertraut Realem und Irritierendem, Privatem und Öffentlichem. Und lässt uns Betrachtende in der Schwebe zwischen Erkennen, Befremden und Erstaunen.

Galerie Tammen, Hedemannstr. 14. Bis 17. Juli, Di.–Sa. 12–18 Uhr. Tel: 030 225 027 910