Schwarz zu Weiß, Punkt für Punkt, dann eine Pointe. Mit ihr ist das Triviale noch mal abgewendet. Dennoch darf daneben das Banale des deutschen Alltags bestehen bleiben – als Blümchenvorhang, als Palme aus dem Inselparadies im Reisekatalog. Als Hochsitz für den Jagdverein, gemalt auf Blasenfolie, sodass die Punkte und Raster schön durchkommen.

Sigmar Polkes besondere Mischung aus Alltäglichkeiten und dem Bildpersonal der Demokratie und deutschen Geschichte fand ihren Höhepunkt im zehnteiligen Zyklus „Wir Kleinbürger“ – ätzende Analyse der Wirtschaftswunderzeit und deren sozialer Schattenseiten, ein Panoptikum aus Hippietum, Punk, Frauenbewegung, Terrorismus. Polke kam damit an. Seine Bilder, auf denen Anzugträger, Bikinimädchen, Hexen, Salamander, Demonstranten und Polizisten durch Reifen springen, um dann punktgenau auf dem Papier zu landen, hängen in großen Museen der Welt, sogar im Reichstag.

Der Künstler, der über diese Punkte herrschte („Ich liebe alle Punkte!“), diese kleinsten Nennern der Mediengesellschaft, hätte sich auf seinem Ruhm ausruhen können, ohne dafür aus dem Kunst-Zirkus ausgeschlossen zu werden. Doch Polke war Ironiker, ergo versteckter Moralist. Er hielt es mit Karl Kraus, der meinte, Ruhm sei ein Pferd, das ohne Reiter am Höllentor ankomme.

Foto: VG Bildkunst Bonn 2021/SMB/Mathias Völzke
„Gemeinschaftswerk Aufschwung Ost“, 1992, 1998 Schenkung Sigmar Polkes an das Land Berlin/Nationalgalerie.

Das war die Bildwelt des Sigmar Polke, geboren am 13. Februar 1941 und 2010 vom Krebs von der Kunstbühne geholt, der letzte große Dadaist der Bundesrepublik – und Duchamp-Fan. Doch wo Duchamp andauernd den Grat zwischen Kunst und Alltag auslotete, zog Polke die Historie an den Haaren. So manches Motiv liest sich wie eine Kritik an der Moderne: Widersprüche, Paradoxa, Absurditäten. Geschichte hat Polke immer interessiert: die politische Situation in Europa. Die Ängste der Menschen wurden sein Bildthema, wie die deutsche Teilung, das Monster der Berliner Mauer. Und dann 1989 die „Wir sind das Volk“-Rufe, der Mauerfall und die euphorische Wiedervereinigung. Sein zentrales Gemälde „Aufschwung Ost“ wurde von der Nationalgalerie Berlin angekauft. Das riesige A auf der Rasterfläche gleicht dem pfeilartigen A-Logo für Arbeitsamt, erst mal die neue Heimat für Millionen Ostler. 

Polke war selbst Transitmensch zwischen Ost und West. Er kam ursprünglich aus Schlesien in den Osten, floh 1953 nach Düsseldorf, studierte an der Akademie, gründete 1963 mit dem ebenfalls in den Westen „abgehauenen“ Künstlerfreund Gerhard Richter und mit Konrad Lueg die Gruppe Kapitalistischer Realismus. Was immer dem Wirtschaftswunder-Bürger von der Werbeindustrie suggeriert wurde – es war bildwürdig. Analog der US-Pop-Art  vor allem die Konsum-Klischees.

Mitte der 1980er-Jahre machte Polke sein Atelier zur Alchemistenküche: Silberchlorid, Meteoritenstaub, Lacke, Alkohol. Polke wollte Farben, die ihr Aussehen je nach Feuchtigkeitsgrad ändern. Bald begann er, auf Dekostoffen und transparenten Folien zu malen. Er bekam eine Einladung zur Biennale Venedig 1986. Den zeitgeistigen Minimalismus löste er in Kitsch auf, das Geometrische des rationalen Denkens konterkarierte er durch Zufall. Die Unschärfen der Übergänge in den Punkte-Bildern verwirren, mitunter hängt im Blickfeld nur noch lapidar eine schwarze Linie. Oder es taucht auf einem Geflecht aus Handtüchern Dürers „Feldhase“ auf, um im Herzchen-Muster daneben zu verschwinden. Auf Tücher gemalt erscheint etwa der Mercedes-Stern, eine russische Kampfuniform und auf einen VEB-Tisch die Story von Honeckers Asche, die Urne in einer Schrankwand in Chile.

Alles Ironie, zugleich Distanz. Bei Polke darf man sich nach dem ersten Schreck schieflachen über den Slogan von der Freiheit der Kunst. Selbige betrieb er als Aufreihung politischer Klischees. Malen, rastern, sprühen, fotografieren, montieren. Er scheute sich dabei auch nicht, „höhere Wesen“ einzuschalten, die ihn aufgefordert haben sollen, eine „rechte obere“ Bild-Ecke schwarz zu malen – ein satirisches Statement zur abstrakten Malerei der 1960er-Jahre. Polke wollte den Befehl von höheren Wesen schon 1969 bekommen haben. Auch den Befehl, zu fotografieren, jedoch ohne handwerkliche Regeln. Die Momentaufnahme, gerastert und überbelichtet, war ein Erkennungszeichen seiner Montagen. So wurde er zum Erfüllungsgehilfen höherer Wesen. Die brauchte er, um sich über den Geniekult und vor allem auch über sich selbst zu mokieren. Polke schonte nicht die Gesellschaft, nicht Kunst und nicht Künstler, am wenigsten sich selbst. Daher kann er seinen 80. Geburtstag am 13. Februar nicht erleben. Und so guckt er wohl von oben herunter, wie wir mit der verstörenden Zeit zurechtzukommen versuchen.

Die Polke-Stiftung Köln bereitet in der Kunsthalle Düsseldorf für den Herbst eine Retrospektive vor. Ebenso das Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg.