„Rohkunstbau 27“: Ein Walherz als Symbol, sich nicht unterkriegen zu lassen

Trotz bürokratischer Hürden und schmalen Budgets – die Sommerschau „Rohkunstbau“ findet zum 27. Mal statt. Diesmal auf Schloss Altdöbern im Spreewald.

Im Atrium des Schlosses Altdöbern inmitten verwitterter barocker Sandstein-Putten aus dem Park: Francesca Martis „Dreamer“, 2021, Aluminium, poliert.
Im Atrium des Schlosses Altdöbern inmitten verwitterter barocker Sandstein-Putten aus dem Park: Francesca Martis „Dreamer“, 2021, Aluminium, poliert.Rohkunstbau/ Roland Horn

Es liegt einfach so da auf dem Parkett, in einem mit Holland-Szenen bemalten Saal des Barockschlosses Altdöbern im Oberen Spreewald: das riesige Herz eines Blauwals. Der verendete Meeressäuger war an der neufundländischen Küste angespült worden. Die Berliner Bildhauerin Isa Melsheimer sah sein Herz im Original – als Präparat in der Plastinationsfabrik im brandenburgischen Guben. Das von ihr als Skulptur aus Keramik nachgeformte und gebrannte Organ mit seiner bräunlich roten Äderung, ein beeindruckendes Maschinen-System aus Atrium und Herzkammer und der röhrenartigen Hohlvene, wird gleichsam zum Symbol für Stärke und Ausdauer. Man stelle sich allein den Schlagrhythmus der mehr als 600-Kilo-Pumpe eines solchen Ozean-Giganten vor.

Isa Melsheimers „Walherz“ aus Keramik, 2018
Isa Melsheimers „Walherz“ aus Keramik, 2018Rohkunstbau/Roland Horn

Im malerischen Schloss-Ambiente dürfen wir es als Metapher für Kraft und Durchhaltevermögen lesen, als Parallel-Botschaft: Denn gegen alle bürokratischen Hürden und trotz der bescheidenen Geldmittel findet die brandenburgische Sommerschau „Rohkunstbau“ zum 27. Mal statt, diesmal mit 16 Künstlerinnen und Künstlern und deren Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen, Fotos, Installationen. 1994 von Medizinstudenten in einem Spreewalddorf in einer einstigen LPG-Halle gegründet, machte das Kunstprojekt sich erst regional, dann international einen Namen. Alte Schlösser Brandenburgs wurden dadurch bekannt als ernst zu nehmende Kunstorte. Berühmtheiten nahmen teil; letztes Jahr war es Yoko Ono, dieses Mal sind es die feministische Video-Artistin Chloe Piene aus den USA und die Starfotografin Cindy Sherman. Letztere hat ihre weltbekannte „Hexe“ von 1985, dieses Fanal weiblicher Emanzipation, über den Atlantik geschickt.

Das Nomadische freilich war nie Maxime des Gründers und der finanziellen Ermöglicher dieser Sommer-Ausstellung, des Lübbener Mediziners Arvid Boellert und des Freundesvereins Rohkunstbau e. V. Aber sobald das Kunstfestival ein pittoresk-marodes Schloss aus dem Dornröschenschlaf geweckt hat, verkaufte die Schlösser-Behörde es alsbald an solvente Privatbesitzer. Keine Chance mehr für die Kunst. Also begann jedes Mal aufs Neue wieder die Suche.

Schloss Altdöbern: Hinter der barocken Pracht mit Fontäne verstecken sich noch die Reste eines Renaissance-Baus.
Schloss Altdöbern: Hinter der barocken Pracht mit Fontäne verstecken sich noch die Reste eines Renaissance-Baus.R. Ruthe

Über Jahre sahen wir viel gute Gegenwartskunst an acht verschiedenen illustren Orten, so im Wasserschloss Groß Leuthen, mehrmals im Schloss Marquardt. Letztes Jahr noch glaubten die Ausstellungsmacher, im Juli/August auf Schloss Lieberose bleiben zu können. Aber auch das ging in private Hand. Glücklicherweise bot sich Altdöbern als Alternative. Hier würden die Rohkunstbau-Initiatoren gern Wurzeln schlagen, alljährlich im Sommer. Und diesmal sogar bis Oktober. Irgendwie sieht es ganz hoffnungsvoll aus, vielleicht endlich in Richtung Sesshaftigkeit. Denn endlich brachten die Rohkunstbau-Initiatoren um Arvid Boellert und die agile Kuratorin Heike Fuhlbrügge die Stiftung Denkmalschutz mit den regionalen  Behörden in einen beschleunigten und fruchtbaren Austausch. Auch wenn die Neven blank lagen, weil die Genehmigung in letzter Minute kam.

Das einst aus dem Renaissance-Stil ins Barocke umgebaute Schloss inmitten eines großen Parks mit See war Prachtdomizil des kurfürstlichen Beraters Carl Heinrich von Heineken, Schriftsteller, Sammler, Altdöberner Gerichtsherr und Direktor des Dresdner Kupferstichkabinetts. Er war Anfang des 18. Jahrhunderts der wohl wichtigste Kunstberater Friedrich August III., Sohn August des Starken. Auch ein Graf von Witzleben residierte hier. Und zu DDR-Zeiten war die dreiflügelige Schlossanlage ein Kinderheim. Seit Jahren renoviert die Schlösser AG Saal aufwendig das denkmalgeschützte Ensemble.

Was  für ein Spagat: Rainer Fettings „Infantin“, Keramik, 2019
Was für ein Spagat: Rainer Fettings „Infantin“, Keramik, 2019Rohkunstbau/Roland Horn

Besucher aus dem Ort, aus der Region umkreisen Melsheimers Keramik-Walherz staunend, fragend. Kuratorin Heike Fuhlbrügge muss bei Stimme bleiben bei all den Führungen an jedem Wochenende. Gegenwartskunst hat konzeptionelle Bezüge, da helfen Erklärungen, ein paar Denkanstöße. So die Bezüglichkeit zwischen uns Menschen und den größten, aber bedrohten Säugetieren in der Natur, den Walen, gerade in unserer Zeit der Umweltzerstörung, der Öko-Krise. Melsheimers halb biomorphes, halb maschinenartiges Gebilde weckt Emotionen und setzt Nachdenklichkeit über menschliches Verhalten gegenüber der Natur und scheinbar ferne Ozeane und deren gefährdete Lebewesen in Gang.

Katja Strunz: „Blackbone Track“ oder: die Dellen der Moderne als „Kreaturen der Form“, 2017
Katja Strunz: „Blackbone Track“ oder: die Dellen der Moderne als „Kreaturen der Form“, 2017Rohkunstbau/Roland Horn

Im lichten Atrium des Schlosses sind acht historische Sandstein-Putti aus dem Park um die mächtige Gestalt eines „Träumers“ arrangiert, die barock ausgeformten, sich in der Hüfte sinnlich drehenden Allegorien für das höfische Leben werden kontrastiert, ja nachgerade gebrochen von der auf einer alten abgenutzten Bank sitzenden ungeschlachten Skulptur der auf Mallorca lebenden Bildhauerin Francesca Marti. Ihren träumenden Menschen – oder ist es eher ein Primat? – hat sie aus Aluminium gegossen und auf Hochglanz poliert. Man kann sich in der Oberfläche spiegeln, sich erkennen auf dem breiten Rücken der menschenaffenartigen Figur. Marti schafft Arbeiten, die rätselhaft sind, die keine Antworten geben und die Betrachter umso mehr zwingen, sich einzubringen, um dem Kunstwerk im eigenen Kopf zu antworten.

Ganz ähnlich spielt auch der Berliner Maler Rainer Fetting, der große einstige „junge Wilde“ aus der West-Berliner Szene um 1980, mit unserer Fantasie. Seine auf einem alten Baum-Ast den Spagat absolvierende „Infantin“ aus kunterbunter Keramik mag als Persiflage auf vormalige Schlossherrinnen zu lesen sein, könnte aber auch ein Gleichnis für Eitelkeiten, Intrigen und narzisstische Störungen in der modernen Gesellschaft sein. Und in der oberen, nur zum Teil restaurierten Schlossetage, die durch die Rohkunstbau-Ausstellung nun fürs Publikum zum ersten Mal zugänglich ist, stehen auf Staffagen (laut Denkmalschutz dürfen keine Bilder an die Wände gehängt werden) seine provokanten Queer-Ikonen, etwa „Robert mit der Gießkanne“.

Markus Schallers kosmisch anmutende Videoinstallation  „Aktom“ neben dem Aufgang zur Belletage
Markus Schallers kosmisch anmutende Videoinstallation „Aktom“ neben dem Aufgang zur BelletageRohkunstbau/Roland Horn

Diese Schau strotzt nur so vor starken, gerade weiblichen Positionen der aktuellen Kunst. Im Marmorsaal reagieren die nach Ausdehnung strebenden Metall-Skulpturen von Katja Strunz auf die imposante Raumarchitektur, auf das ganze überschwängliche Pracht-Brimborium des barocken Zeitalters, an Wänden, Fenstern, Decke. Die Berliner Bildhauerin, die sich intensiv für die „Kreatur der Form“ interessiert, sie schafft rigoros-schöne plastische Faltungen, persifliert so die Stilistik der barocken Epoche, strukturiert deren Erscheinungsbild um. Wo sie ihre metallenen, sparsam farbigen Gebilde aufstellt, gibt es keine Gleichförmigkeit mehr.

Rohkunstbau 27, Schloss Altdöbern, Oberer Spreewald/Lausitz, bis 30. Oktober, Sa/So 12–18 Uhr. Alle Infos und Tickets auf. www. rohkunstbau.net