Ist es nicht, wie man will, so muss man nehmen, wie es ist. So reden flexible Pragmatiker. Diese besondere Ausstellung war für den Frühling gedacht, schon der Titel sagt es: „Pflanzen brechen aus der Erde“. Öffnen durfte die Sammlung Scharf-Gerstenberg, Haus der Nationalgalerie und Domizil vor allem surrealistischer Kunst der klassischen und der Nachkriegsmoderne, wegen des langen Lockdowns erst, als es Sommer wurde.

In der Ausstellungshalle des westlichen Stüler-Baus an der Schloßstraße in Charlottenburg wird einem klar: Keimzeit ist eigentlich immer. Selten habe ich in einer musealen Schau so viel Symbolhaft-Hoffnungsvolles gesehen, obwohl Corona mit gefährlichen Mutanten noch immer wie eine drohende Wolke über unserem eben erst wiedergewonnenen Alltag hängt. Kunst wendet sich in Krisenzeiten dem Organischen, Vegetabilen, kurz: der Natur zu. Und die Natur zeigt uns, dass Werden und Vergehen ein Kreislauf sind. Der Winter wird vom Frühling, der Frühling vom Sommer, der Sommer vom Herbst, und der Herbst wieder vom Winter abgelöst. Aber auch die verschiedenen Stadien einer Pflanze lehren uns diesen Kreislauf. Die Natur umarmt sozusagen das Leben, ebenso wie das Vergehen. Der alte Goethe bedichtete es mit „Stirb und Werde“. Das klingt pathetisch, aber es ist auch tröstlich. Und zugleich auch mahnend, denn wir sollten mit der Natur pfleglich umgehen, wie die weltweiten Ökokrisen es uns dramatisch lehren.

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Max Kühns fast surreales Gemälde „Pflanzen brechen aus der Erde“ von 1928 gibt der großen Ausstellung den Titel.

Die Bilder und Skulpturen der Ausstellung stammen aus den reichen Beständen des Hauses sowie anderen Sammlungen der Nationalgalerie. Und titelgebend mit „Pflanzen brechen aus der Erde“ ist ein kleines Bild von 1928, gemalt von dem kaum bekannten Max Kühn. Lehmigen Ackerboden durchstoßen Triebe, die sich zum Licht recken. Ein bisschen, und damit neigt das Motiv zum Surrealen, gleichen die Pflänzchen Figuren, zuerst mit geneigtem Kopf, dann mit erhobenen Armen. Das Grün wird immer saftiger, das betont den Kontrast zu einer alten, fast schon skelettierten Pflanze vom Vorjahr.

Ausstellungskuratorin Kyllikki Zacharias erinnert beim Rundgang an die berühmten Pflanzenfotos von Karl Blossfeldt, der seit 1899 an der Unterrichtsanstalt des Berliner Kunstgewerbe-Museums das Fach  „Modellieren nach Pflanzen“ lehrte, bevor er mit seinen Motiven berühmt wurde und seine „Urformen der Kunst“ von 1928 zu den Inkunabel der neusachlichen Fotografie zählen. Dieses sich Verselbstständigen der Pflanzenform findet sich auch in etlichen dem surrealistischen Stil zugehörigen Bildern. So in Max Ernsts Frottage der sich spreizenden „Feuilles“ (Blätter), 1925, oder dem Ölgemälde „Zypressen, 1939. Da gibt es keinen zeitlichen, keinen geschichtspolitischen Hintergrund, allein nur dieses leicht unheimliche Aufbrechen, Expandieren, Recken der Form.

SMB/Nationalgalerie/Sammlung Scharf-Gerstenberg/VG Bildkunst Bonn 2021/Jörg P. Anders
Max Ernst: „Feuilles“, 1925, Frottage/Bleistift.

Der Brücke-Expressionist Erich Heckel malte 1918 „Frühling“, zum Kriegsende: Einen hymnischen, gleichsam symbolistischen Himmel über den Feldern. In Paul Klees Radierung „Garten der Leidenschaft“, 1913, sieht man einen Kamasutra ähnlichen, orgiastischen Zeugungs- und Geburtsprozess der Pflanzenwelt. In den fünf wie Bronze bemalten Gips-Kugeln des Italieners Lucio Fontana, den „Concetto spaziale, Nature“ von 1959/60, passiert Ähnliches. In den wuchtigen Samenkapseln – oder einer Art pflanzlicher Uterus – entsteht neues Bäume-Leben. Emil Cimiotti ließ 1959 einen „Wald“ aus dem Bronzesockel wachsen. Der Chilene Roberto Matta malte 1962 „Mal de Terre“ (Erdweh). Fast bedrohlich schießt da Vegetation erdgeisterhaft aus dem Boden. Und beim Maler Heinz Trökes aus dem Kreis der Berliner Nachkriegs-Surrealisten verwachsen sich in der „Tierlandschaft“ von 1946 Flora und Fauna zu einer brausenden Farbmasse.

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Roberto Matta: „Mal de Terre“, 1962, Öl, Leim, Zement und Schamottepartikel auf Sackleinwand.

Im 1959 gemalten Bild „Terre fleurie“ des Art-Brut-Erfinders Jean Dubuffet verbinden sich Ölfarbe und Pflanzenteile, Sand, Erde, sogar Schmetterlingsflügel. In Gemälden von Asger Jorn und Georg Meistermann, so im „Garden of Innocence II“, 1947, und „Der Baum“ von 1952 gleicht sich die Formensprache, denn da erheben sich abstrakte organische Formen in die Lüfte zu einem Naturspektakel. Und Willi Baumeisters Bilder bevölkern seltsame zeichenhaften Wesen, halb Pflanze, halb Tier, man denkt an archaische Höhlenzeichnungen fernab der neuzeitlichen Zivilisation. Baumeister nannte in seinem 1947 erschienenen Buch „Das Unbekannte in der Kunst“ einen weiteren Grund für die Rückkehr zum Thema Natur. In der Einleitung zum Kapitel „Wie sieht Natur aus?“ verwies er auf das „unheimliche Eigenleben der Natur“, das sich dem sentimentalen Blick entziehe. Nur im Zauberspiegel der Malerei komme es gelegentlich zum Vorschein.

In einem solch zauberischen Spiegel malte Otto Niemeyer-Holstein 1947 „Im Sumpf“, einen dieser rätselhaftesten Naturorte, die alles verbergen, was sie verschlucken. Und ganz still steht man zum Schluss vor Nuria Quevedos Ölbild „Auf der Ostrauer Scheibe“, 1976, dem jüngsten Werk der gesamten Bildversammlung: Ein dunkler, dicht bewaldeter Höhenzug im Elbsandsteingebirge nahe der Grenze zu Tschechien, darüber ein diesiger, regnerischer Himmel. Unpathetische Melancholie, das ist Caspar-David-Friedrich-Motivik: Der Mensch braucht Demut vor der Natur, nur zusammen können beide überleben.

Sammlung Scharf-Gerstenberg, Schloßstr. 70, 14059 Berlin-Charlottenburg. Bis 30. September, Di–Fr 10–18, Sa+So 11–18 Uhr. Infos: www.smb.museum