Sandra Mujingas Ode an den Elefanten im Hamburger Bahnhof

Die Norwegerin bekam den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst. Jetzt bedankt sie sich im Museum Hamburger Bahnhof mit einem hybriden „Weltenbau“.

Sandra Mujinga vor ihrem schwarzen Monolithen im Museum Hamburger Bahnhof
Sandra Mujinga vor ihrem schwarzen Monolithen im Museum Hamburger BahnhofBerliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit

Sandra Mujinga mag Steine. Und spröde Poesie. Sie liebt das Metaphorische. Das Sinnbild Elefant, dieses intelligente Krafttier, das nie vergisst. Elefanten besitzen die Zuneigung der Menschen, vor allem der Kinder. Und so bezieht die aus dem Kongo stammende Künstlerin mit Atelier in Berlin das Publikum von Anfang an ein in ihre Kunst.

Das jüngste Werk hat die 2021 mit dem Preis der Nationalgalerie für junge Kunst Geehrte in ihre damit verbundene Schau hineingebaut, in die imposante historische Halle des Museums Hamburger Bahnhofs. Ein gewaltiger tiefschwarzer Hexaeder reckt sich hoch zum gründerzeitlichen Kuppeldach als rätselhafter Monolith. Ohne Eingang, fast 10 Meter hoch und 19 Meter lang. Die Vorderseite, nur durch drei Stufen vom Hallenboden getrennt, dient als LED-Videoleinwand. Darauf pulsieren und flackern als enigmatische Filmfetzen Elefantenhaut-Gebilde in Rot, Blaugrün, in Blei- oder Silbergrau. Ab und an auch golden aufleuchtend. Das imaginierte Dickhäuterkleid ist übersät mit Steinen, von der Künstlerin zusammengenäht aus Leder, Kunstleder, rauem Stoff zu Body-Suits für eine Performerin vor ihrer Kamera. Manchmal sind für Sekunden ein Arm, eine Hand zu sehen. Da wird das Elefantenhafte urplötzlich menschlich.

Mystisch, erhaben, meditativ: Sandra Mujingas Videoinstallation „I Build My Skin With Rocks“.
Mystisch, erhaben, meditativ: Sandra Mujingas Videoinstallation „I Build My Skin With Rocks“.Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit

Je näher ich der Installation komme, um sie herumgehe, zu ihr aufschaue, desto mehr scheint sich auf mysteriöse Weise alles vor meinen Augen zu vergrößern. Mujinga behandelt den Raum als formbares digitales Bild: Sie „beschneidet“ ihn, zoomt in ihn hinein und verändert seine Proportionen. Sie will mit unserer Wahrnehmung, unseren Gedanken und Emotionen spielen. Immer wieder graben sich unter der seltsamen Musik Formen aus Pixeln heraus, um blasige Fragmente einer mit digitalen Sedimenten bestäubten ledrigen Haut freizulegen, gleich darauf in sich zusammenzufallen und dann in schwarzen Felsbrocken und Hautfetzen im Raum zu vergehen.

Mujingas Urtier sorgt sich um jene, die überleben werden

Es ist, als wolle die Künstlerin auf eine andere Art des Lebens auf dieser Erde verweisen. Poetisch, melancholisch, aber nicht dystopisch, nicht mit der drohenden biblischen Apokalypse, auch mit keiner Arche der Erlösung. Durch die pulsierende imaginierte Elefantenhaut mahnt sie an, Gesellschaft und Natur anders zu sehen, Vergangenes in seinen verborgenen Welten zu begreifen, um sich zur Zukunft zu öffnen. Um Hoffnung zu haben: Da muss ich an jenen gerahmten Spruch denken, der bei meiner alten, vom Schicksal schwer gebeutelten Tante über ihrem Schreibtisch hing: „Ich wünscht’, ich wär’ ein Elefant, dann würd’ ich jubeln laut. Es ist mir nicht ums Elfenbein, nur um die dicke Haut.“ Und so begreife ich es: Das bewegte Bild von Mujingas melancholischem Urtier trauert nicht ums eigene Verschwinden auf einer von den Menschen kaputt gemachten Erde. Es sorgt sich um jene, die überleben werden.

Abstrakte Videofetzen aus dem Dunkel streiten sich mit dem Oberlicht der Museumshalle.
Abstrakte Videofetzen aus dem Dunkel streiten sich mit dem Oberlicht der Museumshalle.Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit

Ihre Videoskulptur steht weder für eine Ethnie noch eine Nationalität, nicht für Hautfarbe, Kultur oder gesellschaftlichen Rang. Sie will vielmehr daran erinnern, dass wir Menschen für unser Überleben auf andere Lebewesen Rücksicht nehmen müssen, um von ihnen evolutionäre Strategien lernen zu können, sich an eine stets verändernde Umwelt anzupassen. Damit trifft Sandra Mujingas eigenwilliger hybrider „Weltenbau“ den Nerv der Zeit, weil er über das anthropozentrische Paradigma hinausweist.

Der Titel der Ausstellung geht auf den Philosophen Édouard Glissant zurück

„I Build My Skin With Rocks“- IBMSWR („Ich baue meine Haut mit Steinen“), wie Mujingas karibischer Lieblingsphilosoph Édouard Glissant 1969 es in seiner Sprache beschrieb, ist der Titel der Preisträgerinnen-Schau, von dem jungen Daniel Miles subtil kuratiert. Sobald die Videos laufen, ertönt elektronische Musik, dunkel, in Moll, bisweilen vom Trompeten eines Elefanten durchdrungen. Die Künstlerin hat, was sie filmte, nicht nur genäht, sie komponierte auch diesen sanft-dramatischen Background.

Mujinga, geboren 1989 im kongolesischen Goma, als in Berlin die Mauer fiel, kam als Kind mit ihrer Mutter nach Oslo, wo sie später Kunst studierte. Sie wurde mit der Malerei Munchs, der Musik Griegs, der Dramatik Ibsens, Hamsuns und Fosses vertraut. Die Kultur der fernen Heimat, die oft erbarmungslose Macht der Sonne, die afrikanischen Mythen und die schwermütige Dunkelheit des nordischen Winters verwoben sich schon in der Fantasie des Kindes zur Synthese. Die Kunst der jungen Frau eröffnet einen schier unbegrenzten Raum für Imagination und Assoziationen.

In der historischen Halle des Museums Hamburger Bahnhof: Mujingas fiktive Haut des Elefanten gleicht hier einem aus Blei gegossenen Kontinent.
In der historischen Halle des Museums Hamburger Bahnhof: Mujingas fiktive Haut des Elefanten gleicht hier einem aus Blei gegossenen Kontinent.Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit

Genau das packte mich schon letztes Jahr in der Kandidatenschau zum Preis der Nationalgalerie, diese fast magische Fähigkeit, uns in einen „Spiegel“ für unterschiedlichste, auch widersprüchlichste Gefühle, Gedanken, Erfahrungen schauen zu lassen. Damals thronten ihre grotesk schönen Geistergestalten im grün fluoreszierenden Kunstlicht. Was zuerst bedrohlich wirkte, vermittelte einem nach und nach die Gewissheit, dass es auch ganz anders sein könnte, dass diese Geister aus einer vergangenen Zukunft auch Beschützer sein könnten.

Mujinga recherchierte die Überlebensstrategien der Tiere

Kein Wunder, dass auch jetzt, zur Vernissage von „I Build My Skin With Rocks“, im Publikum geraunt wurde, man fühle sich erinnert an Stanley Kubricks „2001 - Odyssee im Weltraum“, diesem Countdown in die Zukunft, dem Ausblick aufs Schicksal der Menschheit und deren Suche nach Unendlichkeit. Besuchte Kubrick unsere prähistorischen, affenähnlichen Vorfahren, um dann Jahrtausende zu überspringen, so tut Mujinga das mit visuellen Effekten auf einem „Weltenbau“ mit fluiden Bildern von Elefantenhaut auf menschlichen Armen und Beinen. Wir stehen davor, lernen das hybride Gebilde auf meditative Art und Weise kennen. Diese Installation ist kein von den Menschen abgelehntes, zur Aggression gegen seinen eigenen Schöpfer mutiertes Frankenstein-Monster, sondern es ist eine gütig mahnende und tröstliche Science Fiction. Geprägt von den Recherchen der Künstlerin über die Überlebensstrategien der Tiere. Insbesondere der Elefanten.

Gerade erscheint im Video  auf Mujingas Installation das Auge des Elefanten. Oder eines Elefanten-Menschen?
Gerade erscheint im Video auf Mujingas Installation das Auge des Elefanten. Oder eines Elefanten-Menschen?Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit

Der schwarze Monolith und die Videobilder auf dessen Stirnfassade erzählen vom Wachsen einer neuen Haut-Landschaft, davon, was der Mensch werden kann, um den Planeten von Machtmissbrauch, Neokolonialismus, Ausbeutung, Rassismus, Gewalt und ökologischer Zerstörung zu befreien und damit bewohnbar zu erhalten.

Sandra Mujinga: IBMSWR – I Build My Skin With Rocks. Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, Invalidenstraße 50/51. Di–Fr 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr. Bis 1. Mai 2023

Zur  von der BMW-Group geförderten Ausstellung erscheint eine Publikation (Distanz Verlag) mit wissenschaftlichen Beiträgen zur Kunst Mujingas (28 Euro).