Berlin - Alles war gerichtet. Doch die Nerven der Beteiligten blieben bis zum Start zum Zerreißen gespannt. Wird nach dem veränderten Infektionsschutzgesetz der leibhaftige Besuch möglich? Oder geht es wieder nur mit Plan B, also nur online? Sie durften öffnen. 49 Galerien, der Kern im alljährlichen Gallery-Weekend-Verbund, luden zum Kunstrundgang. Das Publikum ließ sich nicht bitten. Bis Sonnabendabend waren 3000 Slots gebucht. Der Besucherstrom wurde generalstabsmäßig gelenkt. Viele kamen spontan und stellten sich mit gebotenem Abstand an. Die Galerien boten ihr Bestes auf. Der Trend geht unübersehbar zum Gesamtkunstwerk. Als betrete man ehrgeizig inszenierte und perfekt kuratierte Museumsausstellungen der Gegenwartskunst. Hiesige Sammler schauten zumeist schon vor der Öffnung vorbei, ein gutes  Dutzend war von fern angereist. Gut 2000 Sammler und Museumsleute nahmen von überall her auf der Welt teil an ausführlichen Zoom-Touren. Nun hofft man, sich live zu sehen, am 17. Juni – zu einer gemeinsamen Finissage aller Galerien, in der Hoffnung, wieder mal zusammen ein Glas Wein trinken zu können.

Fast Food im Stehen

Dieses 2021er Gallery Weekend im Mai war eine frugale Angelegenheit: kein Willkommenstrunk, keine Kunstparty. Der Parcours quer durch Berlin kann durstig und hungrig machen, doch bei geschlossenen Restaurants ist man angewiesen auf Essen im Stehen, vor Bäckereien und Dönerläden. In Kreuzberg ist daran kein Mangel. Und so kam keiner mit Koffein-Gieper in die Galerie Barbara Thumm, Markgrafenstraße 68. Die Halle hat der Kubaner Diango Hernández mit „Instopia“ gefüllt. Seine abstrakte Bildsprache der „Waves“, wellenartig gemalte Formen, davor helle, mit feinem Karibik-Strandsand überzogene Stahl-Skulpturen, ebenfalls in fragmentierten Wellenbewegungen, verkörpern die Symbiose aus Schönheit und Bewegung.

Galerie Barbara Thumm/Jens Ziehe
„Instopia“ – der Kubaner Hernández stellt in der Galerie Thumm aus.

Die Interferenzen des Kubaners sind unterbrochen und lassen doch keinen Zweifel daran, dass alles mit allem zusammenhängt und ein in einen Fluss geworfener Stein Wellen auslöst, die irgendwie auch im Meer ankommen werden. Die Arbeiten des 1970 geborenen Künstlers wirken wie Kaleidoskope. Manche ähneln halbierten exotischen Früchten, denen man ins Innere, bis zu den Kernen, dem Ursprung des Werdens in der Natur, schaut. Andere Bilder sind erlebbar als spielerische Hommagen an die utopistischen Werke des brasilianischen Landschaftsarchitekten Burle Marx und dessen Anpflanzungen und Wege in Form wogender Wellen an der Copacabana.

Galerie Capitain Petzel
Matt Mullican: Welt-Banner, 2021, Hoffnungssymbol für die Überwindung der Pandemie.

Leuchtende Signale senden die Banner und Signets des 52-jährigen Matt Mullican in der Galerie Capitain Petzel an der Karl-Marx-Allee 45: Die Welt als Flagge, als Piktogramm. Seit den Siebzigern arbeitet der Kalifornier mit einem präzisen Zeichensystem. Rot. Schwarz. Weiß. Gelb. Blau. Grün. In klaren, knappen Symbolen und Farben versinnbildlicht er den Prozess der Wahrnehmung, bildet Grundsätzliches ab: das Subjekt, das Objekt, die Welt, die Elemente. Für Mullican sind Flaggen die am Schnellsten zu verarbeitenden Bilder. Manche geben eine Kosmologie in konzentrischen Kreisen wieder. In anderen glaubt man kultische Zeichen zu entdecken.

Die „Verdosung der Welt“

Ähnlich lapidar, zugleich markant wirkt die hallenfüllende Installation des Bildhauers Manfred Pernice in der Galerie Neu, Linienstraße 110 abc. Der 1963 in Hildesheim geborene Wahlberliner hat seine berühmten sperrigen Dosen (auch als „Verdosung der Welt“ bezeichnet), die Stapelungen, Kisten aus 15 Jahren hingestellt wie in einer Abstellkammer. Jetzt wird das Sperrgut zur unterhaltsamen Bestandsaufnahme – und zur Selbstbefragung, an der Wand durch blaues Licht ironisch beschienen vom Goethe’schen Schöngeist.

Galerie Neu
Sperrige Kisten und darüber Goethes Geist: Detail der Ausstellung von Manfred Pernice in der Galerie Neu.

Bei Dittrich & Schlechtriem in der Linienstraße 23 lässt der Franzose Thomas Liu Le Lann, Jahrgang 1992, seine „Soft Heroes“ auf putzigen Dreirädern Ringelreihen fahren. Die sieben kleinen Kumpel seines Wiener Freundes Milo sind schwächliche Bubble-Tea-Vanillemilchshake-Monster mit Narrenkappen und in PMS-Shirts, mit überlängten Extremitäten aus Stoff und Plastik, mit Regenbogenmuster und Schottenkaro. Neben der bizarren Haute Couture steht eine riesige rosa Schnuller-Skulptur aus edlem Glas. Welch popartig-boshafte Befragung des tradierten Männlichkeits-Bildes zwischen Macho und Weichling: Wann ist ein Mann ein Mann?

Galerie Dittrich & Schlechtriem
Der junge Franzose Liu Le Lann lässt „Milos Freunde“ im Kreis fahren, nach dem Motto: Bloß nie erwachsen werden!

Umso femininer ist das Gesamtkunstwerk der Amerikanerin Pae Whites im Hof und in der Halle der Galerie Neugerriemschneider, Linienstraße 155. Aus Stein ließ sie von mexikanischen Bildhauern all jene Tiere meißeln, die in der kalifornischen Natur letztes Jahr bei den verheerenden Waldbränden umgekommen sind, darunter uralte Schildkröten. Von der Decke schweben Textilminiaturen mit Tierpräparaten und metallisch irisierende Keramik-Reliefs an den Wänden erzählen von der Einzigartigkeit der bedrohten Natur, die wir Menschen, das ist die universale Botschaft dieser Arbeiten, schleunigst in Ruhe lassen sollten, wenn die Erde eine Zukunft haben soll.

Knappes Resümee dieser Stippvisite: Gerade erlebten wir das wohl disziplinierteste Kunst-Ereignis, das es je gab. Die vormals so hippe, coole, aufgekratzte Kunstszene ist brav geworden. Paradoxerweise war bei diesem 17. Gallery Weekend in erster Linie der Negativtest der Shootingstar. Wer ihn dabeihatte, wurde mit beeindruckender Kunst belohnt.

Alle Ausstellungen des 17. Gallery Weekends laufen bis noch bis Juni und länger. Infos: www.gallery-weekend-berlin.de