Der knallgelbe Hubwagen hat es ihr angetan.  So sehr, dass Marion Eichmann sich gleich einen ebenso knallgelben Pulli angezogen hat. Zwillingslook mit diesem technischen Fensterputz-Wunderwerk, das die zahlreichen Riesenscheiben des Reichstags und der anderen Gebäude des Deutschen Bundestags im Regierungsviertel blink-blank macht.

Die Künstlerin hat vor Ort tagelang das faszinierende Gerät bestaunt, wie es, von Glasreinigern bedient, roboterhaft seine Arbeit verrichtet. Sie machte erst Skizzen und dann einen ausladenden, fast dreidimensionalen Papierschnitt, versehen mit Armaturknöpfen, Kabeln, der Lenkung, dem elektronisch gesteuerten Wischarm. Entstanden ist diese Assemblage an der Rückwand eines weißen Regals im Ausstellungsraum im Südflügel des Reichstags. Eigentlich dient der Saal als Clubraum oder „Abgeordnetenlobby“; entlang seiner Fensterfront steht ein Dutzend Wahlkabinen für die obligatorischen und auch außergewöhnlichen parlamentarischen Abstimmungen.

Ein gewöhnlicher Kunst-Ausstellungsplatz ist das also nicht, auch wenn über Eichmanns ungewöhnlicher Papierkunst drei schicke, ringförmige Kronleuchter baumeln. Das Fensterputz-Mobil, aus Malkarton geschnitten, dient als Prolog und ist zugleich ein humorvoller Fake, der sozusagen symbolisch dafür sorgt, dass es in der Herzkammer der Demokratie immer guten Durchblick gibt nach draußen: Schau ins Land.

Roman März:/VG Bildkunst Bonn 2022/Marion Eichmann/Galerie Tammen
Noch ein Eichmann: Papiercollage „Sightseeing“ (Touristenbus vor dem Reichstagsgebäude), 2022

Marion Eichmann, 1974 in Essen geboren, ist  mit ihren Papiercollagen und Assemblagen eine Besonderheit in der Kunstszene ihrer Generation. Sie hat gar nicht erst angefangen, abstrakt, realistisch oder illusionistisch zu malen. Sie eignet sich die Welt, gerade auch deren ihr fremde Seiten, schon seit der Kinderzeit zeichnend an, sozusagen strategisch. „Schon immer habe ich  mit Stiften meine Umgebung, die Räume verändert: die Wände rot, die Böden blau, die Stühle gelb“, erzählt die Tochter von Globetrottern – der Vater Architekt, die Mutter Modedesignerin. Und sie wusste schon mit drei Jahren, dass sie mal Zeichenkunst machen wolle. Nichts anderes.

Rot, Blau, Gelb: die Leitfarben der Moderne, hinterlegt mit Schwarz oder Weiß

Dann, während des Studiums, erst an der Berliner UdK, anschließend an der Kunsthochschule Weißensee, entdeckte und perfektionierte sie für sich das Zeichnen mit der Schere – spielend, raffiniert, genial. Damit wurde sie quasi zu einer eigenwilligen Nachfahrin von Philipp Otto Runge. Mit scheinbar leichter Hand schneidet auch sie all ihre Gebilde – aber nie Figuren – aus farbigem Malkarton oder Papier.

An diesem schon frühsommerlichen Vernissagenabend im Reichstag  sind auf Eichmanns Papierformaten die Architekturen der Bundestagsbauten fast wie dreidimensional zu erleben, vor allem immer wieder die imposante Statur des von Paul Wallot Ende des 19. Jahrhunderts errichteten, sandsteinernen Reichstages mit der modernen Foster-Kuppel, ebenso die Glasfronten der Neubauten. In den schwarzen Linien des Zeichenstiftes haben sich als oft rechteckige bis quadratische Formen die Farben Rot, Blau, Gelb verfangen. Es ist das Kolorit, welches Piet Mondrian, der Avantgardist des Konstruktivismus, auch Bart van der Leck, Malewitsch und später Barnett Newman benutzten: die Leitfarben der Moderne, hinterlegt mit Schwarz oder Weiß.

Roman März/VG Bildkunst Bonn 2022/Marion Eichmann/Galerie Tammen
Wer tanzt da aus der Reihe und stört die deutsche Ordnung? Installation, sechsteilig

Wie aber gelangt die Künstlerin mit ihren Papierschnitten in den Deutschen Bundestag? Ins Berliner Wahrzeichen Reichstag? Marion Eichmann hatte im Sommer 2020 dem urbanen Wandel im quirligen, ethnisch vielgestaltigen Stadtbezirk Kreuzberg in riesigen Papierschnitt-Tableaus eine Form gegeben und die Arbeiten damals in der Berliner Galerie Tammen gezeigt: als ästhetische und zugleich spielerische, lebensbejahende Utopien aus Formen, Farben, Oberflächenstrukturen. Gleich waren Leute aus dem Kunstbeirat des Deutschen Bundestages auf sie aufmerksam geworden. Dann kam die Einladung, ein Jahr lang im Deutschen Bundestag den Arbeitsalltag zu beobachten und dann mit Stift und Schere zu zeichnen, was ihr bildwert erscheint. So tauchte sie von Frühjahr 2021 bis März 2022 als stiller Passagier ein ins ihr bis dahin „völlig unbekannte Terrain“,  sozusagen in den Bauch des Legislative-Dampfers.

Hundertschaften von Staatsdienern arbeiten wie auf der Datenautobahn

Sie sei, erzählt sie, in all den Monaten kaum aufgefallen in dem emsigen Parlamentsbetrieb, wo Hundertschaften von Staatsdienern wie auf der Datenautobahn zeitgleich alles besprechen, regeln, vernetzen, organisieren. Eichmann hat nicht bloß an den Entscheidungsplätzen der Politik, im Plenarsaal und in den  Konferenzräumen beobachtet und skizziert. Ihr Sujet waren nicht die Protagonisten, sondern der infrastrukturelle Alltag dieses  gewaltigen Bienenstocks. Am spannendsten fand sie die Nebenorte – in den Kantinen, in der Sporthalle, in den Bibliotheken, den Archiven, Vorzimmern und Wirtschaftsräumen –, ergo das Bundestags-Dasein hinter den parlamentarischen Kulissen. Diese eher unspektakulären Ecken hat sie als zeitgenössische Veduten auf riesige Papierbögen gezeichnet und geschnitten. Und auch das Draußen-vor-der-Tür, etwa den Sightseeing-Bus für Touristen vorm Reichstag, darauf die lustige Werbung „hop-on, hop-off“.

Das Beiläufige nahm Eichmann dabei wichtiger als das Hochamtliche der demokratischen Instanz. So machte sie witzige Collagen von den vielen Telefonen, den Feuermeldern, den Piktogrammen und Warnschildern. Sogar das Rettungsgerät (ein Defibrillator) in einem Rot-Kreuz-Kasten am Ausgang Süd war ihr kunstwürdig. Und in einer Collage mit den Rücken von Leitzordnern tanzen einige Bundesadler-Signets ziemlich aus der Reihen-Ordnung. Zufall oder absichtsvolle Ironie?

Bloß nichts Staatstragendes abbilden, „weit weg von Pathos Hohes Haus“, das war von vornherein klar. „Ich hab mich frei gemacht“, sagt Marion Eichmann. „Ich werte sowieso nie, was ich sehe, ich setzte es nur mit Farbe und Schere um in Papier.“ Das ist ihr mit Beobachtungsgabe, Feingeist und viel Humor gelungen, ihr Sightseeing-Trip durch den Bundestag. Vielleicht zehn Arbeiten waren für den Auftrag geplant. Am Ende waren es hundert, eine regelrechte  Papierschnitt-Orgie, deren Werkzeug- und Material-Entourage jetzt in einer Tischvitrine zu sehen ist: die Stifte, die Tuben, Pinsel, der Kleber, die Scheren. Deretwegen bekam Marion Eichmann sogar Probleme mit der Security: Die Scheren durften zunächst nicht mit rein. Aber ohne sie keine Kunst. Erst mit Sondergenehmigung.

Deutscher Bundestag/Reichstag, Eingang Süd, bis 11. September. Besuch per Anmeldung: homepage www.kunst-im-bundestag.de oder  www.bundestag.de/besuche/ausstellungen/kunstausst/marion-eichmann-846434. Bei Hatje Cantz erschien der Katalog. In der Galerie Tammen, Hedemannstr. 14 (Kreuzberg) beginnt am 10. Juni eine Schau weiterer Papierarbeiten Eichmanns, bis 4. September, Di–Sa 12–18 Uhr.