„Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?“; fragt Gretchen ihren Doktor Faust. Würden wir Gleiches heutzutage Joseph Beuys (1921–1986) fragen, erwiderte der wohl: „Meine Religion ist der erweiterte Kunstbegriff. Ganz einfach.“ So brachte dieser wohl seltsamste aller deutschen Nachkriegskünstler sein Christusbild auf zwei knappe Sätze.

In der weltweiten Beuys-Rezeption wird der ungewöhnliche, oft missverstandene und auf seine eigene Weise tief religiöse Künstler vom Niederrhein mal mit anbetendem, mal süffisantem oder genervtem Unterton als „Schamane“ bezeichnet. Keineswegs unschuldig daran ist Beuys selbst, dessen hundertsten Geburtstag die Kunstwelt am 12. Mai mit zahlreichen Ausstellungen, Schriften, Diskursen, Podien und in den Medien mit Pro- und Kontra-Artikeln begeht. Der gebürtige Krefelder mit den absoluten Wiedererkennungsmerkmalen  Fotografenweste, Hut, derben Anglerstiefeln und langem Mantel, hat mit seinen Filz-, Fett-Honig- und Rot-Kreuz-Mythen ja weiß Gott alles dafür getan, als ein geheilter „Heiler“ zu gelten. Alles ruht auf der umstrittenen Legende seiner angeblich wundersamen Rettung und Heilung durch Tataren nach seinem Absturz als Luftwaffen-Flieger über der Krim im März 1944.

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