Berlin-Da steht die Malerin unter ihrem riesigen Gemälde einer Wölfin mit mächtigen Milchzitzen, die der antiken Legende nach die Zwillinge Romulus und Remus nährte. Für solche hypertrophierten Motive bekommt sie  jenen begehrten Preis, der nach dem Nachkriegsavantgardisten Fred Thieler benannt ist und  seit 1992 erst alljährlich, ab 2007 aller zwei Jahre von der Berlinischen Galerie vergeben wird.

Tatjana Doll, geboren 1970 in Burgsteinfurt im Münsterland, malt freilich völlig anders als der Preispatron. Thieler (1916–1999) war ein Altmeister des Informel, ein Malverwandter von Emil Schumacher, Bernard Schultze und Karl Otto Götz, stilistisch nahe den französischen Lyrisch-Abstrakten wie Georges Mathieu oder Pierre Saulages. Doll malt einzelne Motive eher hyperrealistisch und übergroß, lotet so Möglichkeiten und Grenzen der Malerei sowie ihr Potenzial aus, mit dem Ziel, „gesellschaftliche Prozesse offenzulegen“.

Die in Berlin lebende, an der Kunstakademie Karlsruhe lehrende Doll war Meisterschülerin von Dieter Krieg an der Düsseldorfer Akademie. „Ihre Werke“, so die Jury, „sind in ihrem lakonischen, direkten Zugriff auf die Welt hochaktuell.“ Ihre Gemälde beziehen sich auf Schlüsselwerke der Kunstgeschichte ebenso wie auf Superhelden, Waffen, Tiere, Rennwagen oder Piktogramme. Ihre Malweise aber ist nie Pop Art, sondern direkt und fast roh, wie in der Malerei der Art Brut. Flüssige Lackfarben mit aggressivem Glanz, die sie verwendet, lassen keine Tiefe zu. Deren Eigenschaft, unkontrolliert zu fließen, Pfützen, Blasen und Trübungen zu bilden, bezieht die Künstlerin in ihre Arbeit ein.

Der Preis (ein Werkankauf im Wert von 10.000 Euro) ist „herausragenden Malerinnen und Malern, deren künstlerische Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist und die die Anerkennung der Öffentlichkeit verdienen“, gewidmet. Die namhafte Jury wählt in diesem Sinne kontinuierlich Malerinnen und Maler aus, die ihren Lebens- und Schaffensmittelpunkt in Deutschland haben und in der aktuellen Kunstszene streitbare Akzente setzen, die sich dem Malstrom und der Marktgängigkeit widersetzen.

Doll betont, es gehe ihr weder um das einzelne Motiv noch darum, Geschichten zu erzählen. Auch Farb- und Formwerte, ein subjektiver Gestus oder malerisches Konzept interessieren sie nicht. Ihr Ausgangspunkt sind Reproduktionen, digital oder analog, die heute unser Bild von Wirklichkeit formen. „Ich wollte immer Malerei machen und dabei nicht das Klischee von Malerei bedienen, sondern malen, was da ist. Das darf respektlos, ja plump sein, sodass die Malerei selbst zum Wirklichkeitsfaktor wird, um Brutalität aufzuarbeiten“, so Tatjana Doll über ihre Bilder.