Eigentlich ist die Einsamkeit im Atelier für  Malerinnen und Maler ganz normal. Vor den Leinwänden, den Tafeln, den Papierbögen ist das Alleinsein mit den Farben und dem Sujet sogar Bedingung. Alle Inspiration und Konzentration gilt dem, was nun auf dem Bildgrund passieren, was entstehen wird.

Doch haben die zwei zurückliegenden Jahre der zeitweiligen Isolation durch die Corona-Pandemie Einfluss auf die Motive – das ist etwa in der Galerie Sandau & Leo in Mitte zu sehen. Bei Ulrike Pisch, geboren 1980 in Stralsund, ausgebildet an der Dresdner Kunsthochschule und Meisterschülerin von Ralf Kerbach, treten nur angedeutete Figuren aus einem eigentlich nicht vorhandenen Hintergrund. Es ist, als habe die Malerin aus dem Atelierfenster nach anderen Menschen Ausschau gehalten. Oder wie durch ein Fernglas. Als habe sie ihre Sehnsucht nach ganz normaler Gemeinschaft in diese Hell-Dunkel-Kontraste ihrer Farben gesteckt. Eins der Bilder nennt sie „Kleine Schar“: Leute laufen, einzeln oder zu zweit, als anonyme, unbestimmte, unerreichbare Staffagen durch eine Landschaft. Manchmal könnte das ein Strandabschnitt sein, mitunter ein vereister See. Aber all das wirkt auch wie eine Bühne – die jetzige erzwungene Lebensbühne der sozialen Distanz. Und ein Motiv mit vielen dicht stehenden, bunt gekleideten Gestalten am Strand nennt die Malerin mit leichtem Sarkasmus „Schwarm“.

Ulrike Pisch
Ulrike Pisch: „Ziehende Wolken“, 2021, Öl auf Leinwand.

Sarah Deibele kommt aus Wismar, Jahrgang 1988, ausgebildet als Grafikerin an der Burg Giebichenstein in Halle/Saale. Sie gibt ihrem Ausstellungsteil den Titel „Platzspiel“. Aber auf ihren Spielplätzen gibt es keine Kinder, die rutschen, wippen, Sandkuchen backen und sich um einen Schippe streiten, auch keine plauschenden Väter oder Mütter. Die vereinsamten Spielareale der Stadt sind durch die virtuos eingesetzten Farbstifte Deibeles überzogen mit leicht melancholischer Verlassenheitspoesie. Gebautes und die lediglich vom Wind gezauste Natur erscheinen so filigran wie markant. Auch die Bäume und die Spielgeräte kriegen, so scheint es, langsam einen Einsamkeitskoller, wegen dem schon einige bunte Kieselberge beschließen, auf Wanderschaft zu gehen. Aber woanders ist es auch nicht besser.

Galerie Sandau & Leo, Tucholskystr. 38, 10117 Berlin-Mitte. Bis 26. Februar, Di–Sa 12–18 Uhr, Besuch mit 2G + Maske.