Unterm Rock der großen Häsin

Die in Berlin lebende japanische Bildhauerin Leiko Ikemura füllt das Georg-Kolbe-Museum mit ihren hybriden Mensch-Natur -Wesen – und mit fernöstlicher Poesie.

Leiko Ikemuras große, grünpatinierte „Usagi“, eine  schützende Häsin, die auch an eine abendländische Schutzmantelmadonna erinnert.
Leiko Ikemuras große, grünpatinierte „Usagi“, eine schützende Häsin, die auch an eine abendländische Schutzmantelmadonna erinnert.VG Bildkunst Bonn 2023/Leiko Ikemura/Georg-Kolbe-Museum Berlin/Jörg von Bruchhausen

Dürfen die das denn, in einem Kunstwerk spielen? Kinder schlüpfen zur Vernissage von Leiko Ikemuras Ausstellung „Witty Witches“, im dichten Publikumsgedränge magnetisch angezogen, unter den Rock der bronzenen Häsin. Die Kleinen hocken darin während der langen Eröffnungsreden wie in einem Tipi.

„Ja, die dürfen das!“, sagt die Bildhauerin mit sanftem Lächeln. Es soll sogar so sein. Sie freut sich darüber, denn genauso hat sie es sich gedacht. Zudem widerlegt sie damit witzig das deutsche Klischee vom „Angsthasen“, denn in der Mythologie ihrer japanischen Heimat ist der Hase Sinnbild für Barmherzigkeit, Selbstlosigkeit und Fürsorge. So verbindet Ikemura nicht nur Mensch und Tier, sondern auch buddhistische und christliche Bildsprache zu Fantasiewesen des Schutzes und der Empathie. Und so verschmilzt sie ihre Kultur und Religion mit der des Abendlandes: Der Rock ihrer Hasenfrau soll wirken „wie das Himmelskleid der Heiligen Maria. Und die gefalteten Hände verweisen auf religiöse Traditionen“.

Mitten in der hohen Halle, die einst Georg Kolbes Bildhaueratelier war, thront diese doppelgesichtige „Usagi“. Über drei Meter hoch, aus Bronze gegossen und leuchtend grün- wie die Farbe der Hoffnung- patiniert. So als sei Wintermoos über sie gekrochen und für immer auf der Metallhaut festgewachsen wie ein Allwetterkleid. Die Riesenhäsin hat ihre langen Ohren steil aufgestellt. Sie hört jeden Laut, der Gefahr bedeuten könnte. Der weit geöffnete Rock der Häsin bildet einen Schutzraum. Durch die kleinen Löcher im Metall fällt Licht – dem Sternenhimmel gleich – in den Innenraum der Plastik.

Leiko Ikemura vor ihren düsteren Chaos-Gemälden, in die hoffnungsvoll das Licht einfällt
Leiko Ikemura vor ihren düsteren Chaos-Gemälden, in die hoffnungsvoll das Licht einfälltGeorg-Kolbe-Museum Berlin/Enric Duc

Seit 1987 lebt die 1951 in Tsu in der japanischen Präfektur Mie geborene  Bildhauerin in Deutschland. Berlin ist nach Stationen in Spanien und in der Schweiz ihr Zuhause geworden, hier lehrte sie an der UdK. Das Georg-Kolbe-Museum, einst Werkstatt des großen deutschen Figuren-Bildhauers im frühen 20. Jahrhundert, ist nun bis weit in den Frühling hinein von den hybriden Mensch-Natur-Wesen der Japanerin bevölkert. Wir gehen durch eine feingeistige dialogische Schau, die quasi von Fernost nach Europa führt. Und wir stehen vor mehr als 30 Skulpturen aus Keramik, Bronze und neuerdings auch aus Glas.

„In sich kehrend, doch offen zum Universum“, sagt Ikemura zur Gestik ihrer großen „Usagi“, von der sich etliche sehr viel kleinere „Töchter“, „Enkelinnen“ und „Nichten“ durchs Kolbe-Museum verteilen. Sie alle machen die gleiche Schutzgeste mit dem lichtdurchlässigen Rock und den betenden Händen. Diese Häsinnen verweisen auf den nächsten Raum mit insektengleichen, verletzlichen Mädchengestalten, in denen die Bildhauerin den emotional ambivalenten Zustand zwischen Kind und Frau-Werdung, der Adoleszenz, thematisiert. Manche Figuren erinnern an verpuppte Raupen, tragen aber auch schemenhafte Gesichter. So wecken sie Assoziationen an Knospen, die sogleich aufblühen werden.

Es sind fantastische, surreale Mischwesen aus Bronze und Ton. Fremdes und Vertrautes gehen eine Synthese ein. Mal elegant und harmonisch und dann wieder geradezu unheimlich, fast verstörend fragmentiert. Dahinter hängen Ikemuras Gemälde. Es sind dunkle, metaphysische Landschaftsbilder, in die das Licht wie eine große Hoffnung eindringt. Die Blau-, Violett-, Schwarz- und Rot-Töne sind tief in die Leinwand eingesickert, so dass Farbe und Untergrund beinahe eins werden. Und dann reihen sich fast durchsichtig zarte, zerbrechliche Mädchenköpfe aus farbigem Glas.

„Sich auf die Augen stützend“, eine etwas unheimliche Ikemura-Keramik zum Thema Adoleszenz
„Sich auf die Augen stützend“, eine etwas unheimliche Ikemura-Keramik zum Thema AdoleszenzVG Bildkunst Bonn 2023/Leiko Ikemura/Georg-Kolbe-Museum Berlin/Sabrina Walz

Ikemura reflektiert auf diese sanfte Weise drängende Themen unserer Zeit: Putins Aggressionskrieg mitten in Europa, Flucht und Migration, Not und kulturelle Differenz. Aber die malende Bildhauerin verzichtet auf jedwede kämpferische Aufladung, die heute in einer aus den Fugen geratenen Welt auch die Kunst immer mehr in eine politische Rechtfertigungspflicht bringt. Umso mehr offenbart sie Melancholie. In der Skulptur „Sich auf die Augen stützend“ verschmelzen die Armstümpfe einer Mädchengestalt mit deren Augenhöhlen. Und „Memento Mori“ lässt an eine abendländische Grabskulptur denken, wie wir sie von alten Friedhöfen kennen. Die Gesichtszüge sind undeutlich, der Körper ist aufgebrochen, so dass der Blick ins Innere der Figur freigelegt ist.

Leiko Ikemura verteidigt mit ihrer Kunst die Poesie. Kunst als Waffe zu gebrauchen, ist ihr fremd. Sie wählt das Sinnbildhafte, das sich in der Verschmelzung von Menschenbild und rätselhafter Natur ausdrückt. Aus ihren bronzenen „Häsinnen“, den fast architektonischen Hasenfrauen im Kiesbett, den wie schlafenden, blüten- und insektengleichen Mädchenkörpern spricht die weise, stille Akzeptanz der Vergänglichkeit allen Irdischen und zugleich die tröstliche Freude, dass jedem Vergehen ein neues Werden folgt.

Schön, zerbrechlich und grün wie die Hoffnung: „Lying Head“. Ikemura goss dieses Mädchengesicht 2020 in Glas
Schön, zerbrechlich und grün wie die Hoffnung: „Lying Head“. Ikemura goss dieses Mädchengesicht 2020 in GlasVG Bildkunst Bonn 2023/Leiko Ikemura/Georg-Kolbe-Museum Berlin/Jörg von Bruchhausen

Grenzen von Innen und Außen überschreiten, Transformation erreichen, Eintauchen in eine von Sinnlichkeit und Emotionen durchdrungene Atmosphäre – das ist die künstlerische Absicht der Japanerin. Alles in ihrer Kunst changiert zwischen Form und Formauflösung. Das sei ihre Art und Weise, sagt sie, westeuropäische und ostasiatische Kultur zu verbinden. Ikemuras poetische Gebilde feiern das Sanfte, die Einmaligkeit des Lebens zwischen Werden und Vergehen – und sind doch zugleich hochpolitisch im Sinne der Conditio humana. Ihre Skulpturen, die zärtlich-sinnlichen Hexenplastiken, halb Katze, halb Frau: Zu denen hat sie auch Hexengedichte an die Wand geschrieben. Auch die mystischen Gemälde an den Wänden erzählen von der Zwiesprache mit der Natur, von gewaltverachtender Weiblichkeit und dem ewigen Rhythmus von Leben und Tod.

Leiko Ikemura: Witty Witches. Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25. Bis 1. Mai, Mi–Mo, 11–18 Uhr