Kein deutsches Museum, keine hiesige Kulturinstanz konnte sich bislang entschließen, diesen Schatz zu erwerben: ein riesiges Konvolut von Brücke-Kunst. Vermutlich lassen es die in der derzeitigen Krisensituation gedrosselten Ankaufsetats nicht zu. Nun passiert das Desaster: Eine ganze, unschätzbare Sammlung kommt unter den Hammer, am Wochenende bei Ketterer München schon der erste Teil. Sechs Millionen Euro erbrachte die erste Tranche der Versteigerung der Collection Hermann Gerlinger.  Alles Aufgerufene ging zu 100 Prozent weg. Am stärksten geboten wurde für das Gemälde „Kinder“ von Erich Heckel. Mit der Darstellung des Brücke-Lieblingsmodells Fränzi von ErnstLudwig Kirchner und der Jahreszahl 1909/10 zählt es zu den frühesten und kunsthistorisch besonders bedeutsamen Gemälden der Brücke-Künstler. Ein rheinischer Sammler setzte sich im Saal bei 1,3 Millionen Euro durch.

Die Expressionismus-Kollektion Gerlinger gilt als einzigartig, handverlesen und dennoch im kunsthistorischen Zusammenhang. Schon als junger Mann hatte der heute 90-jährige Würzburger Unternehmer begonnen, systematisch eine der wichtigsten Kollektionen des deutschen Expressionismus aufzubauen. Mit Arbeiten von Kirchner,  Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Bleyl, die 1905 in Dresden die Künstlergruppe Brücke gegründet hatten. Hinzu kamen Werke der später beigetretenen Maler Emil Nolde, Max Pechstein, Otto Mueller.

Was Gerlingers Leidenschaft und Sachkenntnis hervorbrachten, vereint Werke aus allen Schaffensphasen – von den frühesten Anfängen über den gemeinsamen Gruppenstil bis zum individuellen Spätwerk. Diesen Zusammenhang wird die ab diesem Wochenende im Münchner Auktionshaus Ketterer in mehreren Tranchen (bis 2024) stattfindende Auktion gründlich zerreißen. Und in alle Welt verstreuen, schließlich ist Brücke-Expressionismus nach wie vor ein Dauerbrenner auf dem globalen Kunstmarkt. Gerlingers Kollektion umfasst tausend Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle, Holzschnitte, Radierungen, Lithografien, Skulpturen, Dokumente.

Die Sammlung war im Laufe der Zeit in drei Museen als Dauerleihgabe zu sehen: auf Schloss Gottorf in Schleswig, im Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), zuletzt im Buchheim-Museum in Bernried.

dpa/Jan Woitas
Wo wird das Gemälde nach der Versteigerung der Sammlung Gerlinger landen? „Afrikanische Schale“ (1926) des Brücke-Malers Schmidt-Rottluff.

Die enzyklopädische Dichte und chronologische Kohärenz der Kollektion gilt unter Kennern nicht nur als museumswürdig, sondern als Kunst erster Güte. Fatalerweise bedeutet die Auktion nun den Abschied. Das Lebenswerk eines Sammlers wird zerstückelt, verstreut. Denn schon jetzt deuten die Auktionsanfragen an, dass Museen bei der Ersteigerung der bedeutendsten Stücke nicht mithalten können. Spitzenwerke werden vermutlich Deutschland verlassen und in Investorentresoren in Amerika oder der Golfregion landen. Glanz und Elend eines (deutschen) Kulturgutes. Der greise Sammler Hermann Gerlinger indes lässt Sentimentalität nicht zu: Er will mit seiner Passion noch Gutes tun und den Erlös der Stiftung Juliusspital in Würzburg, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und dem Bund Naturschutz spenden.