Berlin - Wenn eine Kunstgalerie „Akutsprechstunden anbietet", dann ist wohl klar – es handelt sich um eine vorübergehende Maßnahme. In diesem Falle um ein neues und auch ziemlich originelles Kunst-&-Alltags-Format, dem der vor 100 Jahren geborene Kunst-&-Alltags-Aktionist Joseph Beuys sicher zustimmen würde, weil damit der Kontakt zum Kunstpublikum und zu den Bewohnern der Nachbarschaft, insbesondere während des aktuellen und möglichen nächsten Lockdowns, unbedingt beibehalten wird – oder nach langen Schließzeiten überhaupt wiederhergestellt werden kann.

Der beliebte Projektraum Axel Obiger – der Name setzt sich zusammen aus den Anfangsbuchstaben der Künstlerinnen und Künstler dieser Gemeinschaft – bietet eine Kunstbegegnung an der frischen Luft an, draußen, auf der Brunnenstraße, vorm großen Fenster. Jeden Freitagnachmittag (jeweils 16 bis 19 Uhr) sind die einzelnen Kunstwerk im Schaufenster zu betrachten, ein ganzes Wochenende will dann zu Überlegungen anregen, was mit unserem Alltag durch die Pandemie passiert ist. Warum es scheinbar so viele Wahrheiten gibt. Ob die allgemeine Verunsicherung Erkenntnis ermöglicht. Ob das Kontrollverlust, Freiheit oder Angst bedeutet. Und ob gar in der Not eine Tugend liegt?

Foto: Projektraum Axel Obiger
Projektraum-Aktions-Probe mit dem Moderator und Stadtführer Stefano Gualdi (hinter der Glastür) und ersten aufmerksamen Besuchern.

Den Anfang dieser Bildbetrachtung mit Straßendebatte machte die Konzeptualistin Harriet Groß, nacheinander folgen drei weitere Künstler der Galerie, die allesamt in Berlin arbeiten und leben: Maja Rohwetter thematisiert in ihrer Malerei die Ambivalenz von Realität und Virtualität. Sie entwickelt ihr Werk im Medientransfer von Collage, Malerei und Computergrafik und hinterfragt grundsätzliche Prinzipien der Bildgenese in den jeweiligen Medien. Ihre farbig angespannten Kompositionen erzeugen einen befremdlichen Bildraum, der in seiner synthetischen Struktur beweglich und amorph erscheint.

Herangeführt an diese Kunst wird am 16. April. Da es in der Brunnenstraße einige Coffee-to-go-Möglichkeiten gibt, empfiehlt sich, die Kaffeezeit dort zu verbringen. Der Diskurs über Farbe, Form und deren Bedeutung dauert dann an, bis daheim das Abendbrot fällig ist.

Auf Maja Rohwetters Bilder folgen am 23. April die ihres Kollegen Thilo Droste, und der malende Bildhauer Enrico Niemann bringt seine farbigen Objekte am 30. April zur Fenster-Ansicht. Jede dieser Freitags-Aktionen moderiert der Kunsthistoriker und bekannte Stadtführer Stefano Gualdi. Er kommuniziert über ein Mikrofonsystem mit den Besuchern auf der Straße – genauso wie es in den Notdienst-Apotheken, in Krankenhäusern und in anderen Situationen, in denen physischer Kontakt nicht erlaubt ist, derzeit üblich ist.

­Projektraum Axel Obinger, Brunnenstr. 29; Weitere Infos unter: www.axelobiger.com